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1 (1924) Das Leben
Entstehung
Seite
169
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KARL VIII., DER NEUE KARL DER GROSSE 169

italienischen Mächte mit dem Inhaber des Kirchenstaates nur einauswärtiger Herrscher in Betracht kommen konnte. Mit seinemganzen Sinnen in die seinem Geiste stets lebendige Welt der altenPropheten versenkt und gewohnt, in der Geschichte des alttesta-mentlichen Bundesvolkes die Geschicke des neutestamentlichenzu lesen, sah er die kirchliche Lage seiner Zeit in den Verhält-nissen vorgebildet, die einst in den Tagen des Propheten Aggäuszur Erlösung des Volkes Israel aus der babylonischen Gefangen-schaft durch die weltgeschichtliche Eroberung des Königs Cyrusgeführt hatten. Von der Ankunft eines neuen Cyrus erhoffte erfür das neue Israel die Erlösung aus der neuen babylonischen Ge-fangenschaft kirchlicher Verrottung, und diesen neuen Cyrus er-kannte er in dem Fürsten, der allen menschlichen Berechnungenzum Trotze über die Alpen gezogen kam und den Wahlspruch imBanner führte:Von Gott gesandt, Missus a Deo",Gottes Wille,Voluntas Dei" 34 .

Als Gottes Gesandter wurde Karl VIII. aber nicht etwa nur

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von Savonarola, sondern von den Italienern überhaupt und allent-halben begrüßt 35 .Gepriesen sei, der da kommt im Namen desHerrn", so jubelte man ihm an verschiedenen Orten zu 36 . Dieseeinzigartige Auszeichnung genoß er aber, wie wir sahen, als Sproßund Erbe des Kaisers Karl, der, von der Sage verklärt, im Herzendes italienischen Volkes noch immer fortlebte. Gerade in Italien,und zwar nicht nur in Florenz, sondern auch in den verschieden-sten Landschaften von einem Meeresgestade zum anderen, hattesich der von den Anjous erhobene und hartnäckig verteidigte undverbreitete Anspruch längst siegreich durchgesetzt, die Könige vonFrankreich seien als solche die geborenen Nachfolger des Franken-königs Karls des Großen 37 . Eben weil er aus dem Blute Karls desGroßen stammte, galt Karl VIII. den Italienern als der Vollenderder Hoffnungen, die sich mit dem Kaisertume seines erhabenenVorfahren verknüpften 38 .Frankreich",Karl" rief daher jung £ t/*Ci'J> f*<rf*und alt,täls er in Italien einrückte 39 . Man feierte ihn als den echtenAbkömmling jener sieben allerchristlichsten Könige, die vor ihmden Namen Karl getragen hatten; in ihren Spuren wandle er, wenner seiner Versicherung gemäß aus Eifer für den heiligen Glauben,um die Türken aus ihrem Reiche zu vertreiben und das heiligeLand zu erobern, wider Neapel ziehe 40 . In den breitesten italieni-schen Volksschichten war auf Grund alter Weissagungen die An-