BRIEF AN STEPHA N VON CODIPONTE __________ 133
Ferraresen alles wieder beim alten blieb. Da er sich hierüber ineinem Schreiben an Savonarola beklagt und neuerdings die Ab-sicht, in die Welt zurückzukehren, geäußert hatte, so suchte ihndieser in einem Briefe 66 vom 22. Mai 1491, der zu den schönstenzählt, die er jemals geschrieben 67 , zu beruhigen und von seinemVorhaben abzubringen. Er warf ihm vor, daß er die Verhältnissedoch allzu schwarz sehe und in seinem an sich ganz löblichenEifer zu weit gehe. „Im Himmel", stellte er ihm vor, „sind allegut, in der Hölle alle bös, hier auf Erden aber leben Gute undBöse zusammen, und nie wirst Du finden, daß es Gute ohne Bösegegeben habe 68 . Viele, die christlich leben möchten, sich aber mitden Alten nicht vertragen, suchen in der Welt das Unmögliche.Sie möchten unter lauter Heiligen weilen mit Ausschluß allerSchlechten und Unvollkommenen, und da sie ihre Erwartung nichterfüllt sehen, so treten sie aus und schweifen in der Welt umher.Sie lassen sich vom Dämon täuschen und verfallen und erliegendem Irrtume, um nachher niemals mehr zur Einsicht in die Wahr-heit zurückzukehren. Mein Sohn, christlich leben heißt, Gutestun und Böses leiden und so ausharren bis zum Tode 68 . Wer ver-möchte auch unter Heiligen schlecht zu leben, es sei denn ein ver-kommener, von der Gnade ganz verlassener Mensch! Es gehörtnicht viel dazu, unter Frommen fromm zu leben. Dies aber sageich, nicht als ob die Brüder, unter welchen Du weilst, böse wären,vielmehr sind sie gut, mögen auch vielleicht einige noch unvoll-kommen sein, sondern weil Du aus einem Strohhalm einen Balkenmachst. Wohl muß man die Bösen und Verkommenen fliehen unddie Gesellschaft der Guten suchen, denn mit den Erwählten wirstDu erwählt und mit den Verkommenen verkommen sein 70 . Aberwenn Du den Bösen entrinnen wolltest, müßtest Du die Welt ver-lassen 71 . Allerdings hast Du die Welt bereits verlassen und nungemeint, sofort ins Paradies einzutreten. Aber erst in den Vorhofdes Paradieses bist Du eingetreten, ins Paradies selbst noch nicht.In der Welt lebtest Du unter Skorpionen; im Kloster mußt Duunter Vollkommenen, Fortschreitenden und Unvollkommenenfromm leben, doch nicht mehr unter Bösen. Und selbst wenn einfalscher Bruder unter ihnen ist, so wundere Dich darüber nicht,sondern wundere Dich im Gegenteile, wenn es nicht so wäre. ImHause Abrahams, im Hause Isaaks, im Hause Jakobs, im HauseMoses', im Hause Davids, im Hause unseres Herrn Jesus Christus,