III. Kapitel.FLORENZ BEI ANKUNFT SAVONAROLAS (1482).
Savonarola betrat, als er 1482 im Auftrage seiner Oberen daserstemal nach Florenz kam, eine für ihn neue Welt. Was er seitseiner Kindheit von der Stadt Dantes vernommen, das mußte seineErwartung aufs höchste spannen; und sie trog nicht. Schon ihreLage entzückte das Auge des Fremdlings. Hineingebettet in einelachende, von Blüten und Blumen duftende Ebene, die an dasbiblische Land gemahnte, das von Milch und Honig floß; über-ragt von sanft geschwungenen, mit malerischen Flecken, Burgenund Landhäusern bekrönten Höhenzügen; vom Arno durchflössenund in zwei, durch eine Reihe zierlicher Brücken mit einanderverbundenen Hälften zerschnitten, erschien die Stadt als das be-vorzugte Schoßkind der Mutter Natur, die das Füllhorn ihrerGaben und Reize verschwenderisch über sie ausgegossen hatte.Und doch nahm die Pracht der Kirchen, der Paläste und öffent-lichen wie bürgerlichen Gebäude, alles, was die Kunst hier seitlangem in ihren höchsten Leistungen geschaffen, den Wettbewerbmit den reichen Naturgaben auf. An herrlichen Bauten und Se-henswürdigkeiten aller Art fehlte es in anderen italienischenHauptstädten gewiß auch nicht. Doch dienten sie schließlichnur den Bedürfnissen einzelner Großen, hier dem Papste mitseiner Kurie, dort dem Fürsten samt seinem Hofstaate, in derLagunenstadt den das Meer beherrschenden Vornehmen, währenddie Masse des Volkes überall schon in der Ärmlichkeit der Be-hausung die gedrückte Lage verriet, zu der sie verurteilt war.Florenz dagegen, Toskanas stolze Gebieterin, erkannte keinenHerrn über sich. Hier war das Volk selbst Herr, und die ganzeStadt Residenz. Alle Künste hatten sich hier zum schönen Bundevereinigt, um die Stadt zum Kleinode Italiens auszuschmücken.Hier hatte Brunellesco über dem Dome die kühne Kuppel gewölbt,das architektonische Wunderwerk Italiens. Hier hatten Leon-battista Alberti, Michelozzo und Benedetto da Maiano ihren Mit-