38 DER EINTRITT INS KLOSTER
Leib ohne Sarg zur Erde bestattet worden war, so verbreitete er dochso süßen Wohlgeruch und zeigte sich, nach mehr als zwei Wochenwieder ausgegraben, so frisch und biegsam, als gehörte er einerLebenden an. In einem Glasschreine der Verehrung der Gläubigenausgestellt, war er das Wanderziel unzähliger Pilger, die von nahund fern herbeieilten, um das große Wunder zu schauen und dievon Gott in so seltener Weise ausgezeichnete Jungfrau um ihrehimmlische Fürsprache anzuflehen. Zu ihnen zählte auch Savo-narola, der ohne Zweifel schon als Kind im elterlichen Hause vonder begnadeten Nonne gehört hatte und unter ihren Mitschwesternmanche Landsmännin antraf, die einst mit ihr nach Bologna ge-zogen war. Vom Anblicke des zarten Leibes ergriffen, der in seinerblühenden Schönheit dem allgemeinen Lose irdischer Verweslich-keit zu trotzen schien, gab er seinen Gefühlen in einem „Ge-dichtauf die selige KatharinavonBologna" Aus-druck 85 : „0 schöne Seele," sang er unter anderem, „zum Himmelschwebend ließest du deine heiligen Glieder auf Erden zurück, umuns Zeugnis vom anderen Leben abzulegen! Dein heiliger Leib istuns Beweis, wie hoch dich Gott im Himmel erhoben hat; von allenSeiten strömen Leute herbei, um deine Glieder anzustaunen, die,obschon erstorben, doch noch zu leben scheinen. Welches Herzwäre denn auch so hart, beim Anblick so heiliger Werke unddeiner sanften Züge nicht in Tränen süßer Rührung auszu-brechen! Wenn nun schon dein Leib ein Paradies auf Erden istund hier so hoch in Ehren steht — wie erst, wenn wir einst desGeistes Schönheit schauen!" „Allmächtiger Gott," fleht der Sängerschließlich zu Gott, „du weißt wohl, was meiner Mühe mangeltund das Ziel meiner Wünsche ist: Nicht um Zepter noch um Reich-tum bitte ich dich wie jener blinde Geizhals, noch geht nach Stadtund Burg mein Verlangen, sondern das allein ist mein Sehnen,mein lieber Herr: Verwunde mein Herz mit deiner Liebe! Ihraber", so wendet er sich an die überlebenden Mitschwestern derSeligen, „betet zu Gott für mich, der diese Verse gedichtet und aneuer Liebden gerichtet hat, und empfehlt mich der seligenKatharina!"
Die ungewöhnlichen Fähigkeiten, die Hieronymus an den Taglegte 90 , sein scharfer Verstand, sein vorzügliches Gedächtnis, seineiserner Fleiß, sein für sein Alter seltenes Wissen, sein muster-haftes Betragen mußte die Aufmerksamkeit seiner Oberen auf sich