___________ LEHRER UND SCHÜLER __________________ 36
Beschäftigung mit der Wissenschaft in den Augen der Frommenohnehin als eine schwere Gefahr für das Heil der Seele erachtetwurde, so ward der Lehrberuf vielfach mit scheelen Augen ange-sehen 74 , obschon er andererseits auch wieder so hoch gewertetwurde, daß man ihm die Kraft zutraute, Nachlaß aller Sünden zubewirken 75 . An den Vorrechten der Lehrer nahmen zum Teile dieSchüler teil. Auch sie waren, um sich ihren Studien ungestörthingeben zu können, vom Chordienste und anderen klösterlichenObliegenheiten befreit und im Genüsse eigener Zellen, wo sielesen, schreiben, beten, schlafen und des Nachts bei Licht wachenund studieren konnten; erwiesen sie sich aber als unfähig undlässig und machten sie keine Fortschritte, so verloren sie ihreZellen wie alle Begünstigungen und wurden anderweitig verwen-det 76 . Die Aufsicht über sie führte der magister studen-t i u m , der sie mit den erforderlichen Lehrmitteln auszurüstenund darüber zu wachen hatte, daß sie sich an den Vorlesungen,Streitreden und Wiederholungen regelmäßig beteiligten. Studierende,die sich durch bsondere Begabung und Fleiß auszeichneten, wur-den zum Lehrberufe ausersehen und nach Beendigung der ge-wöhnlichen dreijährigen theologischen Studienzeit 77 zur weiterenAusbildung auf die höhere Schule, das Studium solemne, derOrdensprovinz oder auf eine Universität mit einem theologischenStudium generale geschickt, um hier weitere drei Jahre zu ver-bringen 78 . Zu den höheren Weihen durften die Brüder nur mitGenehmigung des Priors und des Provinzials nach einer sorg-fältigen Prüfung darüber zugelassen werden, daß sie in Gram-matik, Chorgebet, Kirchengesang und in allen auf den jeweiligenWeihegrad bezüglichen Verpflichtungen genügend unterrichtetseien 70 . Dagegen waren die heiligen Weihen an die Zurücklegungeiner bestimmten theologischen Studienzeit nicht gebunden 80 , da jadie Brüder als ständige Hörer der lectio ordinaria zeitlebens Stu-dierende der Theologie blieben. Mit dem Verfalle der Ordenszuchtging jedoch überall auch ein reißender Verfall der OrdensstudienHand in Hand; eine Reform des theologischen Unterrichtsbetriebeserwies sich daher als ebenso nötig wie eine Reform des Ordens-lebens überhaupt 81 . Da häufig genug ungelehrte und ungeeigneteLeute mit akademischen Würden ausgezeichnet wurden, so wurdewieder und wieder strengstens verordnet, niemand dürfe alsMeister der Theologie oder Baccalar anerkannt werden, der nicht