30Unterdessen vollzieht die Geschichte ihr Rächeramt, indemsie ein Grab schaufelt allen denen, die am Untergange des Na-zareners, am Sturze seines Werkes sich betheiligt. Titus wirdentsandt, den Golgatha zu Zeuge eines niegesehenen Blutbadeszu machen; jene Hierarchie, die dem Gedankenrechte mit der rohenMacht widerstanden, sie wird zerknickt, wie ein stolzes Rohr vombrausenden Sturm. Aber auch das Reich Constantins, der denGeist Jesu unter die Gewalt einer neuen Priesterschaft gegeben,wird niedergelegt und den Muselmänner als Beute überlassen!Und das Mittelalter endlich, das vor die Grabespforte den ge-waltigen Stein seines maaßlosen Aberglaubens gewälzt, — woist heute seine Herrschaft? — Die Ideen Jesu erheben sich all-mählig wieder aus dem Schutte, unter welchem die Vergangen-heit sie begraben. Die Siegesfahne des Nazareners flattert überunsern Häuptern; der Auferstandene steht in unsern Reihenund die ultramontanen Gegner weichen zurück. Der reformatorischeGedanke ist eine weltbezwingende Macht geworden; denn auf allenGebieten menschlicher Thätigkeit ist stillstandsloser Fortschritt alseine unbedingte Nothwendigkeit erkannt worden. So singt denn, ihrLiebhaber des Veralteten ein Requiem der guten, alten Zeit, jenerZeit der gewaltsamen Bekehrungen, der Hexenprozesse, der In-quisitionen, der Scheiterhaufen, der Justizmorde, der Wunderund der geistlichen Kurfürsten. Lange genug hat die Vergangen-heit in ihrer Weise geschaltet, die heut' berechtigte Gegenwart willein milderes Regiment antreten, nicht nur im Namen, auch imSinne dessen, der vor achtzehnhundert Jahren die geistige Be-freiung der Menschheit angestrebt, ohne sie vollenden zu können.Der Leib Jesu, ein Pfand der Verwesung ist dem Er-denstaube zurückgegeben; wir empfangen seine Wesenheit mitjedem Athemzuge, den wir aus dem Luftmeer trinken. SeineAsche ist vermischt mit der Asche der großen und geringen Män-ner; sie tritt uns vielleicht heute unter der bescheidenen Gestalteines Waizenkörnleins oder einer Rebe entgegen. Und fänden auchjene zerstiebenen Substanzen, die einst die Hülle unseres Freun-des gewesen, fänden sie sich zusammen in der ehemaligen Gestaltdes jüdischen Rabbi, spräche aus dieser Gestalt heute noch ein-mal im tiberischen Jerusalem der verbessernde, umgestaltende Geist:„Hinweg mit euren geschnitzten Bildern, den fatalen Gegenstän
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