II Vorwort.
Ich kann somit auch Dokumente vorführen, die ich nichtselbst gesammelt habe und von denen man nicht sagen kann,ich hätte sie tendenziös ausgewählt und zusammengestellt.
Ich habe alle diese Beweise für eine bereits evidenteThatsache anhäufen müssen, weil dieselbe den Kern meinerLehre bildet; ohne den Verbrechertypus giebt es keinen ge-borenen Verbrecher, und ohne letzteren keine Kriminal-anthropologie.
Wunderbarerweise gebärden sich gewisse Leute als Kri-minalanthropologen, welche die Existenz des Typus leugnen;sie handeln, wie ein Physiologe handeln würde, der die Ana-tomie leugnet, oder wie ein Maler, der nichts von Zeichnungwissen will.
Und diese Sonderlinge wundern sich darüber, dass trotzihrer impotenten Proteste die Sammel- und Forschungsarbeitauf diesem Gebiete in der von mir angebahnten Richtungweitergeht.
Auf den Tafeln der früheren Ausgaben dieses Atlas habeich mit zu weit getriebener Skrupulosität Gelegenheits-verbrecher neben den geborenen Verbrechern dargestellt; auchwaren die Figuren zum Theil zu klein, um auf den erstenBlick einen entsprechenden Eindruck zu machen; ich hoffe,dass nunmehr die schönen Tafeln dieses Atlas diese Quelledes Irrthums und der Missverständnisse beseitigen werden.
Werde ich nun Jedermann überzeugen? Ich glaubekaum; ich schmeichle mir nicht, die Blindgeborenen sehendzu machen und noch weniger die, welche sich blind stellen,um nicht sehen zu müssen; wenn ich das hoffte, wäre das,als wollte ich von Einem, der keine Noten kennt, eine Partiturlesen lassen; er würde ein blosses Gekritzel sehen, wo AndereZusammenhang und Harmonie erblicken.
Turin, im Mai 1895.
C. Lombroso.