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1 (1924)
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tum widerruf ich nicht", was dem Vers jede Bedeutung raubt und ihnüberflüssig macht, ist es doch gerade die geistige Herrschaft derPriester, die Uriel nicht anerkennen will. In der 3. Szene des 3. Aktesist „Priester" einmal sogar durch „Rache" ersetzt, als wenn das bei-läufig dasselbe wäre: „Von Rache aufgehetzt die Masse droht." —Der Glaube ist weniger rigoros behandelt; das Wort Talmud ersetztihn; gelegentlich muß er selbst die „Kirche" vertreten, die ebenso-wenig in üblem Lichte erscheinen darf. Der fanatische Schlußtriumphdes Santos „Der Glaube siegt, zwei Opfer sind gefallen" hieß ur-sprünglich „Die Kirche siegt" usw. Diese Zensuränderung hat derDichter in späteren Ausgaben beibehalten und auch manche Verseendgültig gestrichen, die der Zensor ihrer herausfordernden Schärfewegen nicht hatte dulden wollen, wie z. B. in dem Widerruf den Vers„Gott und die Teufel allgesamt verlachend". Auch das Wort „Gott"ist einmal vorsichtig umschrieben durch „des Höchsten", wodurch derVers fast unaussprechbar wird. Der Schluß des 4. Aktes, wo selbstder zurückhaltende Silva gegen die Härte der Ketzerrichter protestiert,ist ebenfalls mit deutlicher Entrüstung dick durchstrichen. — Mitdiesen Änderungen durfte „Uriel Acosta" nach einer Unterbrechungvon zehn Tagen sich am 23. Dezember wieder auf der DresdnerHofbühne zeigen, wo er dann zahlreiche Wiederholungen erlebte.

Dresden war aber nicht die einzige Stadt, die in puncto: Priester undKirche empfindlich war. In Berlin ging es dem „Uriel Acosta" nichtanders. Als Gutzkow Ende Oktober 1846 in seiner Vaterstadt weilteund im Königlichen Schauspielhaus vorsprach, zuckte Herr v. Küstnerüber das Stück verlegen die Achseln. Er hatte es zunächst dem Mi-nister des Innern v. Bodelschwingh vorgelegt; dieser hatte vom poli-zeilichen Standpunkt aus keine Bedenken geäußert, bezweifelte aberdoch die Möglichkeit der Aufführung, da das Stück religiöse Spal-tungen der Gegenwart unter der Hülle des Judentums vorführe undsie auf eine gehässigen Ausdeutungen Raum gebende Weise löse. Alsomußte der Hausminister v. Wittgenstein befragt werden; er hieltBodelschwinghs Bedenken für begründet und legte das Stück am11. November dem Könige vor, da sich der Verfasser bei einer bloßministeriellen Entscheidung gewiß nicht beruhigen werde. Damit hatteer recht. Am selben Tag hatte Gutzkow ein Gesuch an den Königgerichtet, was ihm „sehr widerlich" war. Der von P. A. Merbach im„Euphorion" (XXIII, 696 ff.) nach dem Original (im KöniglichenHausarchiv) mitgeteilte Text trägt die Spuren dieser Stimmung: erlegt Inhalt und Charakter des Werkes so sachlich wie möglich dar,beruft sich auf die „von Ew. Majestät so oft für allein rühmenswerterklärte Kardinaltugend einer redlichen Überzeugung" — das Sujetdes Dramas! — und schließt fast schroff: „Wenn die Bühne eine tie-fere Beziehung zur Nation gewinnen und keinen flüchtigen Unterhai-