SIMROCK 538
Zensoramt verdacht hätte, denn er blieb derselbe gutmütige, be-scheidene, ja schüchterne Kerl, als der er bei aller Welt beliebt war.Nur nicht eben bei seinen Vorgesetzten, denn ihm war mit dem Amtauch nicht ein bißchen Verstand zugewachsen, und wenn es irgendging, ließ er gern fünf gerade sein. Eigentlich hatte man hier denBock zum Gärtner gemacht, denn Langbein selbst war keineswegsein Dichter nach dem Herzen eines preußischen Zensors; er wußteeinen guten Spaß zu schätzen und rivalisierte etwas mit seinemberühmteren Zeitgenossen Clauren, dem Hofrat Heun, in kleinenZweideutigkeiten und pikanten Anspielungen, die er nach dem Vor-bild Wielands in langatmige poetische Erzählungen neckisch ein-wickelte. Der Apfel Evas und das Brautbett spielen bei ihm allemaleine große Rolle. Sonst war er ungefährlich und politisch so harmloswie ein Kaninchen. Eben darum wurde er auch oft genug an dieOhren genommen, und das war immer eine kleine Katastrophe, dennwenn er sich als Zensor nicht herausreden konnte, verlor er diesenoder jenen Teil seiner streichenden Tätigkeit und damit seines küm-merlichen Einkommens. Diese Maßregelung drohte ihm auch jetztwieder, als er von seinem gestrengen Vorgesetzten, dem Oberpräsi-denten, wegen des so staatsgefährlichen Gedichts im „Freimütigen"zur Rede gestellt wurde. Was sollte er groß sagen? Hatte er die'Gedanken eines Königs? Und wenn der die noch dazu höchst mittel-mäßigen Verse krumm genommen hatte, was half es da, viel Wortezu machen? Es raste einmal der amtliche See und wollte sein Opferhaben. So viel Lärm pour une omelette, bei der sich der Dichterebensowenig gedacht haben mußte, denn der war nicht minderharmlos als der Zensor. Am liebsten hätte Langbein ein Epigrammauf den Vorfall gemacht, aber die Aussicht auf die Silbergroschen,die ihm nun wieder fehlen würden, wenn er die Zensur des „Frei-mütigen" verlor, verdarb ihm den Humor. Wie sollte er nur derguten Frau Johanna diese neue Schmälerung ihres Etats schonendbeibringen? Ihn selbst brachte das nicht mehr aus der Ruhe, undj/iin solchen Rechtfertigungsbriefen hatte er nachgerade schon einegewisse Routine. Nur warten lassen durfte er den Chef nicht. Alsofaßte er sich kurz und erklärte:
„Auf die mir wegen eines in Nr. 183 des Freimüthigen befind-lichen Gedichts von K. Simrock, welcher, so viel mir bekannt ist,aus Bonn gebürtig und hier als Referendarius angestellt ist, abge-forderte Verantwortung, kann ich zu meiner Entschuldigung nuranführen, daß mir dieses Gedicht nicht anstößig geschienen, weildarin bloß von weltkundigen, in Frankreich vorgefallenen Begeben-heiten und Thatsachen, die alle Zeitungen erzählten, die Rede ist,und sich kein Wort darin auf andere, besonders deutsche Staatenund Regierungen deuten läßt. —
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