SIMROCK S3 6
„Nach den letzten Worten des Dramas, so wie es jetzt ist:,Ihr Mannsteufel, Euch ist man noch über!' wendet sich das jungeWeib energisch und herrisch gegen den Grenzjäger mit den Worten:/Hinaus mit Dir, Mörder!' Der Jäger wankt langsam zur Türe,dann richtet er sich straff auf und ruft ihr das Wort zu: .Mörderin!und schlägt die Tür hinter sich zu. Seine Schritte verhallen, unddas Weib geht mit raschen, kräftigen, entschiedenen Schritten nachder Seite der Schlafkammer; aber vor dieser liegt der Tote. Sie siehtihn, erschrickt, und Entsetzen packt sie. Mit ausgestreckten, ab-wehrenden Armen geht sie langsam rückwärts nach der andernSeite, soweit sie kann, bricht dann in die Kniee zusammen undwiederholt mit anderer Betonung, schluchzend das Wort: .Mör-derin!' — Der Vorhang fällt."
Das Weib, so begründete Vaihinger seinen Vorschlag, sei ja vonHaus aus eine anständige Natur gewesen, nur zur Teufelin ge-worden, die Katastrophe müsse sie aber „wie eine Schlafwandelndezum Bewußtsein dessen zurückbringen, was sie angerichtet hat". Da^mit werde der abstoßende Eindruck des Schlusses in sein Gegenteilverkehrt, und nichts stehe der Aufführung mehr entgegen!
Der Dichter ist dem Rat des Philosophen nicht gefolgt, und derErzbischof würde auch kaum seinen Segen zu dem „den unverbildeten,natürlichen Menschen" befriedigenden Schluß gegeben haben. Die„schwüle Sinnlichkeit" des Stoffes war ja durch Reue und Leid amSchluß nicht gebändigt; sie wäre damit zur banalen Sünde geworden,die in den Beichtstuhl gehört, nicht aufs Theater und in den Bereichder Kunst mit ihrem unerbittlichen Gesetz. Daß aber die Kunst keinDesinfektionsmittel ist, darüber sollte schließlich auch die Philo-sophie ins klare kommen.
SIMROCK, KARL (1802—1876).
Am 16. September 1830 bekam der preußische Minister des Innern,Graf v. Schuckmann, vom Grafen Lottum, dem Minister des König-lichen Hauses, folgende eigenhändige Mitteilung: „Ich erhalte so-eben das anliegende Schreiben des Herrn Geh. Cab.-Raths Albrecht,und eile, es Ew. Excellenz mit dem Anheimstellen zu übersenden,das Erforderliche nach dem Befehle Sr. Majestät zu verfügen, undwenn Ew. Excellenz nicht eine besondere Anzeige machen wollen,mich gefälligst von dem Resultate zu benachrichtigen, um Sr. Maje-stät davon Anzeige machen zu können."
Was des Königlichen Kabinettssekretärs Albrecht Briefdepescheenthielt, ergibt sich aus dem Auftrag, den Minister Schuckmann am17. dem Oberpräsidenten der Mark Brandenburg, Herrn v. Bassewitz,erteilte, dem als erster Instanz alle Berliner Zensurangelegenheitenunterstanden: