Druckschrift 
2 (1928)
Entstehung
Seite
535
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535 SCHÖNHERR

wäre das Weib im .Weibsteufel' die erste dramatische Gestalt derWeltliteratur, die über die Stränge springt) und vernichtet als Räche-rin ihrer zertretenen Weiblichkeit das Leben beider Männer. Sieselbst ist der sittlichen Vernichtung anheimgefallen. Verherrliche ichvielleicht in dem Drama die Unsittlichkeit? Ebne ich ihr die Wege?Animiere ich dazu? Der strengste Sittenrichter wird nicht leugnenkönnen, daß dies der Kernpunkt der Frage sein muß, wenn mansich über ein Werk zu Gericht setzt. Wird nach Anhören diesesStückes eine Zuhörerin das Weib im ,Weibsteufel' sein wollen?Oder wird in einem männlichen Zuschauer auf dem Nachhausewegder unbezwingbare Wunsch rege werden, diesen ,Spaß' einmal mit-zumachen? Der eine der beiden Männer liegt erschlagen, der andereist dem Zuchthaus verfallen. Nach Anhören schlüpfriger Operettenund französischer oder nach französischer Art gemachter Zoten-schwänke, die jahraus, jahrein, Abend für Abend über die Bühnenfackeln, ohne daß es jemals ein Erzbischof für nötig befunden hätte;dagegen das Gewicht und die Autorität seiner Persönlichkeit indreiviertelstündiger Predigt einzusetzen, könnten leicht solcheWünsche rege werden . . . Ich bin kein französischer frivoler Ehe-bruchstückschreiber, wie der Erzbischof meint. Dazu fehlt miralles. Ich habe niemals einen Dramenstoff willkürlich, um diesemoder jenem mir angedichteten Zweck zu dienen, von außen her anmich gerissen.

„Wenn man alle meine bisher erschienenen Werke in der Reihen-folge ihres Entstehens: ,Bildschnitzer', ,Sonnwendtag', .Karrnerleut',.Familie', ,Erde', .Königreich', ,Glaube und Heimat', .Weibsteufel',.Volk in Not', .Frau Suitner' unter dem Kollektivtitel ,Haus undFamilie' zusammenfaßt, dann wird man unschwer ersehen können,daß eines aus dem andern erwachsen ist, und daß sie alle zusammenein organisches Ganze bilden. Sie mögen gut oder schlecht sein, abersie dienen alle, vom ersten bis .zum letzten, nur sittlichen Zwecken."

Das Wunderlichste aber begab sich, daß ein Professor der Philo-sophie, kein geringerer als Geheimrat Hans Vaihinger in Halle, demVorgehen Faulhabers in einem Artikel der „München-AugsburgerAbendzeitung" (abgedruckt im „Berliner Börsen-Courier" vom4. September 1918, Nr. 413) seine Zustimmung und Anerkennungaussprach! Vaihinger erklärte den ,Weibsteufel' für — ausgezeich-net, er sei sogar eines der besten Dramen in deutscher Sprache,von feiner und überzeugend wahrer Psychologie, alles „meisterhaftund musterhaft" — bis auf den Schluß, der „dem sittlichen Urteiljedes unverbildeten, natürlichen Menschen" widerspreche. „So darfein Stück nicht ausgehen. So darf das Böse, das Teuflische nichttriumphiren." Vor der dichterischen Inspiration verbeuge er sich sowenig wie vor jeder andern! Er schlage daher folgenden Schluß vor: