SCHÖNHERR 522
vorsichtig, alles was er sagte im Folgesatz einzuschränken oderzurückzunehmen. Schönherr, so meinte er, sei wirklich ein Dichter,aber nicht ,der Dichter, den das deutsche Volk erwarte'. .Glaube undHeimat' sei in der Tat ein wirksames Theaterstück; aber es sei zusehr auf den .Effekt' gemacht, und Rosegger sei im Unrecht, wenner sage, daß Schönherr um der Wahrheit und nicht um des Effekteswillen dichte. (Wenn unser literarischer Pater das Wort Effekt aus-spricht, so tut er es mit einer Miene und Gebärde, als ob er sofortden Teufel austreiben wollte.) Und womit belegte der Redner dieseangebliche Vorliebe Schönherrs für den Effekt? In allem, was dieHeimat und die Anhänglichkeit an die Scholle angeht — so be-tonte er nachdrücklich —■ sei Schönherr auch in seinem neuen Werkeunzweifelhaft echt.
„Aber die Geschichte! Die Geschichte! Das Historische, auf dassich Schönherr angeblich durch den Untertitel ,Die Tragödie einesVolkes' verpflichtet habe! Da stimmt's nun gar nicht zu den un-trüglichen Quellen, aus denen unser Historiker in der Kutte schöpft-Der belehrt uns zunächst, daß die Austreibungen Andersgläubigeraus der Zeit heraus zu verstehen seien (,Was Ihr den Geist derZeiten heißt, Das ist im Grund der Herren eigner Geist'), daß inden Tagen der Gegenreformation hüben wie drüben, in Nord undSüd, in katholischen und protestantischen Landen nach dem Grund-satze Cujus regio, illius religio mit Gewalt verfahren worden sei.Die drastischen Beispiele für diese Gegenseitigkeit, die Gegenstückezu den Protestantenaustreibungen in den Alpenländern, ist derRedner freilich schuldig geblieben; bestehen sie vielleicht darin, daßder Große Kurfürst und seine Nachfolger Katholikenansiedlungenin Berlin nicht nur zuließen, sondern auch (man denke an die fran-zösische Kolonie!) begünstigten? Dann soll Schönherr Ereignisseaus dem 18. Jahrhundert, wie die Protestantenaustreibungen unterden Salzburger Erzbischöfen, in die Zeit der Gegenreformation zu-rückverlegt haben. Aber wie ist uns denn? Hat nicht Ferdinand derZweite schon bevor er Kaiser wurde, als Herr von Steiermark, alsozu Beginn des 17. Jahrhunderts, seine protestantischen Älpler er-barmungslos aus der Heimat getrieben, und hat nicht ein großerDichter — kein .protestantischer', um bei den Kategorien unseresPaters zu bleiben — nämlich Grillparzer in seinem ,Bruderzwist'(erster Akt, Gespräch zwischen Rudolf und Ferdinand) Gericht überdiese Barbarei gehalten? Und haben die Salzburger Protestanten-verfolgungen etwa erst unter jenem Bischof Firmian, der durch dieMassenaustreibungen allerdings eine traurige Berühmtheit erlangte,begonnen, haben sie nicht schon vielmehr unter Marius Sitticus, alsoim 17. Jahrhundert, stattgefunden? Das sollte einem Kritiker dochgegenwärtig sein, der auf das .Historische' angeblich so stark ein-