519 SCHÖNHERR
Daß ein Drama aus der Zeit der Gegenrevolution in den öster-reichischen Alpenländern zuerst auf einer Wiener Bühne erschien,hätte die nervösen Eiferer im katholischen Lager nachdenklichmachen sollen. Aber schon begann die Hetze der klerikalen Presse.Anfang Januar 1911 folgte die erste Aufführung auf deutschemBoden, in Mannheim. Schon einige Tage vorher erhob das Mann-heimer „Volksblatt" heftigen Einspruch: das Werk sei ein Tendenz-stück, schildere die Katholiken durchweg als Scheusale und minder-wertige Charaktere, die Protestanten als Helden und Märtyrer, be-deute daher eine Beleidigung aller Anhänger des katholischen Glau-bens. Intendant Gregori antwortete: In Schönherrs Drama sindLicht und Schatten gleichmäßig auf beide Konfessionen verteilt;er könne darin kein Tendenzstück sehen. Die Proteste wiederholtensich, hatten aber zunächst nur den Erfolg, daß der ostentative Bei-fall am Abend der Vorstellung sich zu einer Art Gegendemon-stration gestaltete. Auch im nahen Mainz suchte die Geistlichkeit dieAufführung zu verhindern. Der Siegeszug des Werkes wurde da-durch nicht aufgehalten. Im Februar folgten die Hoftheater in Darm-stadt, München und Wiesbaden; überall wurde das Stück ohne Strei-chungen von der weltlichen Zensur genehmigt.
Das religiöse Problem hatte die norddeutschen Theaterleiter imAnfang zurückgeschreckt; der Wiener Erfolg aber brachte sie all-mählich auf die Beine. Am 27. Januar reichte Direktor Brahm(Lessingtheater) „Glaube und Heimat" zur Zensur ein. Dem erstenLektor im Polizeipräsidium ward bei der Prüfung des Textes un-behaglich; er verwies auf die Mannheimer Pressefehde und über-ließ es höherer Entscheidung, ob sich dieses „Tendenzstück" zuöffentlicher Aufführung in Berlin eigne (13. Februar). Eine vor-sichtige Behörde wartet in solchen Fällen zunächst ab. In Darm-stadt, München und Wiesbaden blieb alles ruhig; gleichzeitig mitdem Wiesbadener Hoftheater brachte Königsberg das Stück heraus(26. Febr.); am 1. März kam sogar das Königliche Schauspielhausin Potsdam dem zögernden Berlin voraus. Nun faßte der zuständigeReferent, Regierungsrat Klotz, Mut und gab am 3. März sein Votumdahin ab: „Die dramatische Behandlung eines solchen Stoffes inernster künstlerischer Fassung kann in der Jetztzeit, mehr als200 Jahre nach den geschilderten Zuständen, m. E. polizeilichenBedenken nicht begegnen, vorausgesetzt, daß das Stück keineAngriffe gegen die katholische Kirche oder gegen die Katholikender Jetztzeit enthält. Solche Angriffe sind in dem Stück nicht zufinden. Daß der Reiter, der die Austreibung der Evangelischen ausdem Dorfe zu leiten hat und der die katholische Gesinnung, diezur Austreibung führt, verkörpert, in seinem Fanatismus die Fraudes Bauern Sandperger, die ihre Bibel nicht hergeben will, zu Tode