Druckschrift 
2 (1928)
Entstehung
Seite
511
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511 SCHICKELE

f e n , daß jeder Krieg Wahnsinn ist. Gerade der Geist-liche und der Oberlehrer sprechen außerordentlich klugu n d eindrucksvoll. Ihre Worte sind viel gewichtiger als diedes preußischen Offiziers! Sie überzeugen und drängen demZuhörer unbedingt die Frage auf: ,Wozu ist eigentlich dies gräß-liche Morden?' Es fallen Worte wie .Dieser Krieg ist eine Dumm-heit' und ,es gibt überhaupt keine Feinde, es gibt nur Menschen' usw.Es wird kein Wort gegen Deutschland gesagt; ehernoch wird über Frankreich leicht gespöttelt. LichtUnd Schatten sind in dieser Beziehung mindestens gleich verteilt. —Der vierte Akt zeigt das Gut mitten im Kampf. Bald ist es in fran-zösischen, bald in deutschen Händen. Einmal ist der Führer derdeutschen Gefechtsgruppe der jüngere Bruder Balthasar, der danndurch den älteren Bruder Hans vor französischer Gefangenschaftgerettet wird. Nachdem Hans aber seinen Bruder gerettet hat, nimmter Abschied von seiner Frau, um sich über die Grenze zu schleichenund für Frankreich zu kämpfen und zu sterben!"

Man wird kaum sagen können, daß diese äußerliche Inhaltsskizzeder tiefen Poesie, die wie eine schwermütige Volksweise durch dasSchauspiel klingt, gerecht wird. Nichts von dem wunderbar vertieftenVerhältnis der beiden Brüder, nichts von dem spielenden Dämon,der den einen an die Französin kettet, nichts auch — und dieserHinweis hätte in dem amtlichen Schriftstück nicht fehlen sollen —von der dumpfen Erkenntnis des Haupthelden, daß sein Schicksalihn in die Reihen derer wirft, die seiner Meinung nach hoffnungslosdem Untergang geweiht sind. Darauf baute sich nun Hülsens Ge-samturteil: „Der Ton ist durchaus anständig und ergreift wederfür Deutschland noch für Frankreich Partei. Jeder tut halt das, waser als anständiger Mensch glaubt tun zu müssen. Trotzdem führt dasStück unbedingt zur innerlichen Abkehr vom Kriege,und ich begreife es sehr wohl, daß verantwortungsvolle Stellen dieFrage aufwerfen müssen, ob es nicht besser gewesen wäre, die Auf-führung des Stückes jetzt zu unterlassen!" Hülsen berichtete dannnoch über seinen Depeschenwechsel mit dem Polizeipräsidium undversprach einen endgültigen Vorschlag nach Eingang der von dort zuerwartenden Begründung des Nichtverbots.

Diese Begründung folgte am 5. Mai und lautete:„Ew. Excellenz beehre ich mich unter Bezugnahme auf mein Tele-gramm vom 3. d. M. mitzuteilen, daß der Versuch, die Direktiondes Kleinen Theaters zur freiwilligen Absetzung von ,Hans imSchnakenloch' zu bewegen, erfolglos geblieben ist und zwar ins-besondere deshalb, weil die Direktion in den Aufführungen desStückes, das einen täglichen Überschuß von 700 M. abwirft, nachmancherlei Fehlschlägen eine gute Einnahmequelle gefunden hat.