Druckschrift 
2,2 (1903)
Entstehung
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13
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Specielle Krankenversorgung für Arbeiter in Krankheitsfällen. 13

Krankenkassen; diese Verträge müssen Bestimmungen enthalten über dasHonorar, über Abwehrmaassregeln gegen Simulation, Arzneiverschwen-dung und über andere im Interesse der Kassen und Aerzte notwendigenMaassregeln. Die allgemeine Durchführung dieser freien Arztwahl würde vor-aussichtlich eine Verbesserung des Kranken Versicherungsgesetzes bedeuten:auch die versicherten Arbeiter, namentlich der grossen Städte, sind mitdem System der festangestellten Aerzte häufig nicht zufrieden: siesehen in dem Kassenarzte mit einer gewissen Berechtigung einen Be-amten des Kassenvorstandes; es herrscht bisweilen zwischen Patientund Arzt kein Vertrauen, der Patient hält sich oft für zurückgesetzt,besonders da einzelne Kassenärzte der grossen Städte ausserordent-lich überlastet sind. Deshalb wird auch von Arbeitern die Ein-führung der freien Arztwahl gewünscht. Gegen dieselbe wird angeführt,dass sich bei ihr die Kosten für Arznei und Krankengeld sehr steigern;doch ist das einzige Material, das hierfür beigebracht wird und sich nurauf Verhältnisse in Berlin bezieht, kein beweiskräftiges. Das Kranken-geld soll deswegen oft unnöthig bei der freien Arztwahl gezahlt werden,weil der Arzt hierbei dem Patienten leicht zu Willen sein soll und aufdiese Weise der Simulation Vorschub leiste. Versteht man unter einemSimulanten einen Menschen, der eine Krankheit oder Beschwerde, fürdie keine Ursache besteht, vorspiegelt, so ist die Simulation beiKrankenkassenmitgliedern nicht sehr häufig. Dafür sorgt schon die Höhedes Krankengeldes, die ja nur bei Doppel Versicherung den wirklichenVerdienst erreicht, meistens aber weit hinter ihm zurückbleibt. Gewissübertreibt auch ein Kassenmitglied sein Leiden, ein Theil derPersonen aber, die von Kassenvorständen der Simulation beschuldigtwerden, sind chronische Kranke. Gewiss die Hälfte aller Kassenmit-glieder sind im medicinischen Sinne nicht völlig gesund; ausser der soviel verbreiteten Tuberculose in all' ihren Stadien findet man chronischeKatarrhe der Luftwege, des Magens, Rheumatismus und Nervenkrank-heiten, bei weiblichen Mitgliedern alle Formen der Bleichsucht undFrauenkrankheiten. Nun weiss jeder Laie, dass derartig Leidende einsehr wechselvolles Befinden haben: auf Monate relativen Wohlbefindensfolgt eine Zeit schwersten Unbehagens. Bei Lungenkranken unddas sind vielleicht 80 pCt. der chronisch kranken Arbeiter ist diesmeist der Winter, dem deshalb die besser situirten Lungenkranken durcheine Reise nach dem Süden entfliehen. Das kann natürlich der Arbeiternicht 1 ), und deshalb benutzt er die Zeit der schlechteren Arbeitsgelegen-heit oder der Arbeitslosigkeit dazu, um seine Gesundheit zu verbessernoder vielmehr eine Verschlimmerung seines Leidens zu verhüten. Dasser dazu vollste Berechtigung hat, wird Niemand bestreiten; ist z. B.

') Neuerdings errichten die Invaliditäts-Anstalten vielfach Heilstätten für Lun-genkranke. Die letzteren haben für die Unterbringung, die manchmal 6 Monatedauert, gar nichts zu bezahlen, weil die Anstalt bei etwaiger Besserung an Invaliden-rente später zu sparen gedenkt.