36i LUDWIG
Erhebung Polens Europa in Aufregung. Lüttichau, sich selbst über-lassen, fühlte sich von einem Alb befreit und lehnte die ihm vor-gelegte Umarbeitung ohne Besinnen ab. Am 3. Januar 1847 lasDevrient in seinem Hause vor einer auserwählten Gesellschaft dasWerk mit tiefer Wirkung vor. Ludwig aber mußte noch drei weitereJahre warten, bis er endlich, 1850, mit seinem ,,Erbförster", dieBühne eroberte.
Weit zensurwidriger als „Die Rechte des Herzens" war ein anderesDrama, das Ludwig 1844 schrieb und Ende des Jahres dem LeipzigerTheater fertig eingereicht haben will: „Friedrich II. von Preußen."Zuerst hatte ihn die Jugendtragödie des Kronprinzen mächtig ge-packt, aber dann zog ihn der große König in seinen Bann, der Feld-herr des Siebenjährigen Krieges in der unglücklichen Zeit zwischender Schlacht bei Torgau (3. Nov. 1760) und der WiedereroberungSchlesiens durch die Einnahme von Schweidnitz (9. Oktober 1762),als Preußen, von allen Seiten verlassen und bedrängt, dem Unterganggeweiht schien. Mehr wissen wir von diesem Werk Ludwigs nicht,denn es ist völlig verschollen; wahrscheinlich wurde es nie vollendet.Erhalten ist nur das Vorspiel dazu, „Die Torgauer Haide", die 1844in Laubes „Zeitung für die elegante Welt" (Nr. 43/44) erschien,gewissermaßen als Antwort der Literatur auf die KabinettsorderFriedrich Wilhelms IV. vom 20. April 1844, die Stücke, in denenMitglieder des Hohenzollernhauses die Szene betraten, für preu-ßische Bühnen verbot, solange nicht die besondere Erlaubnis zurAufführung seitens des regierenden Königs eingeholt war. Die Ge-schichte und Weiterentwicklung dieser Kabinettsorder habe ich inmeinem Buche „Polizei und Zensur" (1926, S. 121 ff.) auf Grundder Akten dargelegt. Eine Aufführung seines Vorspiels hat Ludwigdaher nie erlebt. Erst vierundzwanzig Jahre nach seinem Tode wurdezum erstenmal der Versuch gemacht, es auf die Bühne zu bringen.Dazu bedurfte es also der allerhöchsten Erlaubnis. Kaiser Wilhelm I.war am 9. März 1888 gestorben; am 15. Juni hatte sein Enkel,Wilhelm IL, den Thron bestiegen, von dem die junge Generationhoffen zu dürfen glaubte, daß er weniger ängstlich am Hergebrachtenfesthalten und eine Kabinettsorder, die jede Entwicklung einernationalen Dramatik abdrosseln mußte, zum alten Eisen werfenwerde. Am 7. Dezember 1889 reichte Adolph L'Arronge, der ersteDirektor des „Deutschen Theaters", Ludwigs „Torgauer Haide" zurGenehmigung durch die Zensur ein. Als der Polizeipräsident v. Richt-hofen das Gesuch an den Minister des Innern, Herrfurth, weitergab,erklärte er gleich, die mehrfache Anrede des Königs durch seineSoldaten mit „Fritz" sei natürlich „entsprechend abzuändern". DerMinister war aber mit diesem Wechsel auf die Zukunft nicht zu-frieden, sondern erklärte: bevor er überhaupt Weiteres veranlasse,