Druckschrift 
2 (1928)
Entstehung
Seite
357
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357 v. KNEBEL

»Der Brief S. 94 enthält meines Erachtens auch nicht das mindesteBedenkliche oder Anstößige." Es handelte sich um eine Bemerkungüber das „Memoire de St. Helene" von Las Cases; Knebel nanntees „den Katechismus der Weltklugheit und des wahren Verstandes,den uns, mehr als alle gelieferten Bataillen, der rohe Felsen derheiligen Helena durch ein hartes Schicksal erpreßt hat". Das Buchvon Las Cases war in seiner französischen Fassung und in derdeutschen Übersetzung (1822—26) von der preußischen Zensur, dem-selben Kollegium, verboten worden, daher hätte der preußischeZensor auch keine Bemerkung darüber durchgehen lassen dürfen;daran hatte wohl der Geheimrat Müller nicht gedacht.

Charakteristischer aber sind für den Geist des Oberzensurkolle-giums die beiden Stellen, die politisch so bedenklich erschienen, umein Verbot unbedingt zu rechtfertigen. In dem zweiten der „Briefepopulairen Inhalts" aus dem Jahre 1787 spottet Knebel über dieMasse von Menschen, die von der Gunst eines Fürsten leben, be-sonders in Weimar selbst, die sich mit „Charaktern und Titeln be-mänteln lassen, um ihrem äußerlichen Dasein einen Schein zu geben",„an den Ehren und Vorteilen der Gesellschaft einen verhältniß-mäßigen, nicht geringen Anteil nehmen", im übrigen aber zu nichtsbrauchbar seien. In Deutschland seien noch die Vorurteile so „dickgesäet", daß, wer nicht das Glück habe, Baron zu sein, so gut wiegar kein Mensch sei. „Selbst an Fürsten hab' ich dieses Merkmalgefunden, die sonst einige Zeichen der Aufklärung gaben ... Siebezeigen höchstens noch für einige auserlesene Namen eine Achtungund suchen sich zum Teil mit diesen nur zu behängen, ungefähr wieSchützenkönige mit ihren silbernen Blechen, nur um wieder einenneuen Staat von Eitelkeit vorzuzeigen." Zu dieser Masse von Men-schen, die „zum Besten des Staates nichts beitragen und doch dasBeste von ihm verzehren", zählt Knebel Prinzen, Hofleute, Militär,Jagd- und noch so und so viele Zivil- und andere Bedienten. DiesesVolk belagere die Höfe, setze überall der Aufklärung Hindernissein den Weg, binde dem Fürsten die Hände und setze „die nützlich-sten Stände und die brauchbarsten Glieder herunter". „Man forscheunter dem Volke, und man wird gewiß eher zehn Männer finden,die mit Aufopferung für das allgemeine Wohl ihres Landes, ihresFürsten, des Staates fühlen, denken und arbeiten, als Einen unterdem Adel." Knebel mußte das ja wohl wissen, er hatte sich seinLeben lang unter den Weimarer Hofschranzen herumgetrieben,übrigens eine bürgerliche Frau geheiratet, sogar eine Sängerin, waralso auch sonst ganz aus der Art geschlagen.

So etwas also durfte 1836 in Preußen nicht öffentlich gesagt oderRedruckt werden — die Anwendung lag gar zu nahe! Und schlimmernoch erschienen jedenfalls die späteren Äußerungen (S. 494 f.).