Fürsorge auf dem Gebiete des Krankenpflege-Unterrichts. 331
Kräfte der Familienmitglieder übersteigen. Aber es machen sich oft auchanderweitige äussere Gründe geltend, welche die Zuziehung berufsmässi-ger Pflegepersonen verhindern. Zunächst kann es sich um materielleSchwierigkeiten handeln, insofern immerhin ausgedehnte Kreise der Be-völkerung vorhanden sind, denen die Heranziehung einer Berufspflegerinzu grosse Kosten verursachen würde, und die doch andererseits sichnicht dazu bequemen wollen, gerade auf den Beistand einer Armenpflege-rin Anspruch zu erheben; auch die räumlichen Verhältnisse der Fa-milienwohnuugen erweisen sich bisweilen dem Eintritt einer fernerenPerson in den Familienkreis, wenn er auch nur ein vorübergehender ist,nicht günstig. Schliesslich kann es auch bisweilen mangels genügendzahlreicher Pltegekräfte an einem Orte überhaupt schwierig sein, ge-schulte Pflegehilfe zu erlangen. Es sind diese Sätze keineswegs rein theore-tische Ueberlegungen, sondern sie beruhen auf practischen Erfahrungen,die im Leben gewonnen sind. Neben alledem beansprucht auch der Um-stand keine ganz unwesentliche Bedeutung, dass die ausserordentlichzahlreichen Vorurtheile und falschen Vorstellungen, welche sich gegen-wärtig noch in Bezug auf Kranksein und Krankenpflege in allen Schich-ten der Bevölkerung bei den Laien, auch den gebildeteren, vorfinden,einen sich unangenehm bemerkbar machenden Hemmschuh für die Er-folge der ärztlichen Thätigkeit und Krankenbehandlung darstellen, unddass das den ärztlichen Anordnungen gegenüber in den Familien zu Tagetretende mangelhafte Verständniss oftmals eine irrationelle und verkehrteBehandlung des Kranken im Gefolge hat, die für den Kranken von er-heblichem directen Schaden sein kann und thatsächlich oft dazu führt,dass aus leichten und unbedeutenden Erkrankungen schwere und lang-wierige Gesundheitsstörungen werden.
Aus diesen Betrachtungen erhellt auf das Deutlichste, dass einer-seits anch heute noch die Vervollkommnung der häuslichen (intrafamiliä-ren) Krankenpflege als ein wichtiges Bedürfniss der Bevölkerung anzu-sehen ist, andererseits sich die Notwendigkeit ergiebt, geeignete Mittelund Wege zu benutzen, um eine solche Verbesserung zu erreichen. Washier Noth thut, ist eine verständige Aufklärung und Belehrung desgrossen Publicums über die fundamentalsten Grundsätze modernerKrankenpflege durch einen zwar elementaren, aber doch geordnetenöffentlichen Unterricht, der in die Hände geeigneter, bewährter und er-fahrener Arzte gelegt wird. Die bedeutsamen Fortschritte, welche ins-besondere die Krankenpflege-Technik in unseren Tagen zu verzeichnenhat, lassen es in höherem Maasse als früher möglich und zugleich er-forderlich erscheinen, auch dem Laien eine Art ganz elementaren, aberdoch nach wissenschaftlichen Principien geordneten Unterrichts in derKrankenpflege darzubieten. Freilich lässt sich schon manches Gutenach dieser Richtung durch die Verbreitung vollkommen gemeinverständ-lich gehaltener, von Aerzten in zweckmässiger Weise verfasster Schriftenin weiten Volksschichten erreichen; aber erstens fehlt es gegenwärtignoch an derartigen kleineren Anweisungen, die thatsächlich nicht mehr