Fürsorge auf dem Gebiete des Krankenpflege-Unterrichts. 289
Was zunächst den theoretischen Theil des Krankenpflege-Unterrichts anlangt, so hat er die Aufgabe, das theoretische Fach-wissen der Schüler und Schülerinnen auf eine geeignete Stufe zu er-heben. Bei der erhöhten Werthschätzung, welche in letzter Zeit einermöglichst gründlichen practischen Durchbildung der Pflegepersonen amKrankenbette zu Theil geworden ist, könnte es scheinen, dass der sorg-samen theoretischen Unterweisung der Krankenpflegepersonen eine geringereBedeutung beizumessen ist; es könnte sogar angenommen werden, dassbei recht langer practischer Thätigkeit ein besonderer theoretischerUnterricht vollkommen entbehrt werden könnte. Aber eine derartigeAuffassung könnte sicherlich nicht als richtig bezeichnet werden; dennauch der theoretische Unterricht ist in mannigfacher Hinsicht von grosserWichtigkeit und bedarf einer gerechten Würdigung. So wenig es ge-nügen würde, um ein wirklich berufstüchtiges Krankenpflegepersonal,das hohen Anforderungen gewachsen ist, heranzubilden, wenn man sichhierbei auf das Halten noch so eingehender theoretischer Vorträge undVorlesungskurse beschränken wollte, so wenig darf es den Anschein ge-winnen, als ob der theoretische Unterricht in den modernen Kranken-pflege-Schulen nur als etwas Nebensächliches, Unwesentliches, vielleichtgar Ueberflüssiges zu betrachten sei. Vielmehr muss auch hier, wie imLeben überhaupt und insbesondere im Unterrichtswesen, Theorie undPraxis neben einander zur Geltung kommen und sich mit einander ver-binden, um eine möglichst hohe Stufe der Fähigkeiten zu erreichen.Und gerade in den Krankenpflege-Schulen, welche doch ausnahmslos zugrösseren Krankenanstalten in enger Beziehung stehen, lässt sich dasHand in Hand-Gehen der theoretischen und practischen Schulung ohnebesondere Schwierigkeiten erzielen.
In Anerkennung der Thatsache, dass die Qualität der personellenKrankenwartung von sehr wesentlichem Einfluss auf die Erfolge dergesammten Krankenbehandlung ist, betrachtet man es als äusserstwünschenswerth, dass den ausübenden Krankenpflegern und Kranken-pflegerinnen ein möglichst hoher Grad technischer Schulung undethischer Berufsauffassung innewohne. Mit vollem Rechte hältman daher sowohl das Vorhandensein tüchtiger Fachkenntnisse undpractischer Berufserfahrungen, als auch eine erheblichere Würdigungder idealeren Berufsinteressen für die nothwendige Vorbedingungeiner zweckentsprechenden Ausübung , des Krankendienstes. Aber manmuss sich dabei bewusst sein, dass diese Vorbedingungen schwierig zuerfüllen sind, und dass es daher stets einer ziemlich Jangen und sorg-samen Vorbereitung für den zukünftigen Beruf bei denjenigen Personenbedarf, welche beabsichtigen sich dauernd der Wartung körperlich undpsychisch hilfsbedürftiger Menschen zu widmen. Diese Vorbereitung mussnaturgemäss nach doppelter Richtung hin vor sich gehen; sie zerfällt indie technische und die moralische Erziehung der angehenden Kranken-pfleger und Krankenpflegerinnen. Der Krankcnpflegeberuf nimmt hierinkeineswegs eine singulare Sonderstellung ein; eine derartige auf ein
Handbuch der Krankenversorgung u. Krankenpflege. IL Bd. ig