698 Rosenfeld,
Die deutschen zur Zeit bestehenden Anstalten verfügen bei einemBestände von -- gering gerechnet — 25000 hilfsbedürftigen Krüppelnim ganzen Deutschen Reich über 400—500 Plätze: d. h. es ist gegen-wärtig nur für den fünfzigsten Theil gleich 2 Procent derdringender Hilfe bedürftigen Krüppel gesorgt!!
Wie Eingangs berechnet, bedeuten die 25000 nicht genügend ver-sorgten und ausgebildeten Krüppel für das Deutsche Reich eine Schä-digung des Nationalvermögens von etwa 40 Millionen Mark jährlich.— Diese Zahlen weisen mit erschreckender Deutlichkeit auf eine ernsteGefahr im deutschen Volksleben hin.
Es kann aber diesen Uebelständen abgeholfen werden durch ärztlicheKunst bei zeitweiligem Aufenthalt in eigenen Krankenanstalten, durchzweckmässige Ausbildung einzelner, besonders verwerthbarer körperlicherFähigkeiten in Krüppellebranstalten, sowie durch die körperliche undgeistige Pflege, welche die Verkrüppelten in den Krüppelheimen findenwürden.
Jedenfalls wäre es vernünftiger, einmalige Cur- und Erziehungskostenfür die armen, arbeitsunfähigen Krüppel herzugeben, die Kosten für Er-ziehung einer mehr weniger erreichbaren Erwerbsfähigkeit, als die Unter-haltungskosten für die Dauer des ganzen Lebens der Unglücklichen zuzahlen. — Dieser Grundsatz ist für Blinde, Taube, Epileptische schon längstdurchgeführt, er muss auch auf die Krüppel ausgedehnt werden.
Es darf sodann die Krüppelfürsorge nicht der privaten Wohlthätig-keit allein überlassen werden, so dankbar auch deren Wirken ist und sowillkommen es im Interesse der Allgemeinheit sein muss. Bayern hatmit seiner staatlich organisirten und vom Staate unterhaltenen Anstaltgezeigt, was auf diesem Wege erreicht wird; dass weit mehr als durchPrivate geleistet werden kann, welch letztere doch immer in ihren Mittelnbeschränkt sind und auch nicht den rein socialen Zweck verfolgen, wiees der Staat thut.
Die staatlich zu fordernden Anstalten müssen vereinigen:orthopädische Heilanstalt und Erziehungsinstitut.
Die Heilanstalt muss ausgerüstet sein mit allen Errungenschaftender modernen Orthopädie, mit eigens eingerichteten Turnsälen, welchedas allgemeine deutsche Turnen, wie die specielle schwedische Heilgym-nastik (Zanderapparate) ermöglichen; mit mechanischen Werkstätten zurAnfertigung der für die Krüppel notwendigen orthopädischen Apparate,wie zur Herstellung von der technischen Ausbildung der Krüppel ange-passtem Handwerkszeug. Die ärztliche Behandlung soll, wenn irgendmöglich, in die Hände von Specialärzten für orthopädische Chirurgie ge-legt werden, denen ein Hausarzt für die allgemeinen Erkrankungen zurSeite steht.
Das Erziehungsinstitut muss neben der körperlichen Versorgungden Unterricht der Elementar- und Volksschulen geben undausserdem für eingehenden technischen Unterricht in den verschie-densten Fächern Sorge tragen. Technische Fächer, weiche sich für