Sonderkrankenanstalten und Fürsorge für Blinde. 643
sikern, Dichtern und Schauspielern brachten, ändern nichts an demGesagten. Anders war es in China, wo schon vor Jahrtausenden inBlindeninstituten für eine Ausbildung Sorge getragen wurde. Ihre In-sassen, die durch Aneignung vieler Kenntnisse, durch Uebung des Ge-dächtnisses und der Corabinationsgabe geistig über dem Niveau dergrossen Masse des Volkes stehen, haben noch jetzt einen begründetenRuf als Seher und erwerben oft ein grosses Vermögen.
Im Abendlande war es einer Deutschen, der blinden Theresiavon Paradies, vorbehalten, die Unterweisung der Blinden in der Jugendanzuregen und dadurch der Verwahrlosung entgegenzuarbeiten. AlsCiavier- und Orgel virtuosin kam die Paradies 1783 nach Paris, wosie den Menschenfreund Val. Hauy kennen lernte. Ein schmachvolles,ihn empörendes Possenspiel mit einigen armen Blinden auf einem derBoulevards bewog diesen Mann, seine ganze Kraft den Blinden zu widmen.Nachdem er erkannt hatte, dass nur Kenntnisse jene Unglücklichen ausihrer Ohnmacht bringen könnten, gründete er 1784 zu Paris die erstewirkliche öffentliche Anstalt zum Unterricht blinder Kinder. Nicht zuverwechseln damit ist die seit dem Jahre 1260 in Paris existirende Ver-sorgungsanstalt für Blinde, das Hospice des quinze-vingts, und das imJahre 1350 zu Chartres für 120 Personen eingerichtete Institut. InEngland fiel der Gedanke des Lehrers Hauy auf einen sehr fruchtbarenBoden. Der Reichthum und der Wohlthätigkeitssinn der Bevölkerungmachten es möglich, dass noch bis zum Jahre 1800 in Liverpool, Edin-burgh, Bristol und London Blindenanstalten gegründet werden konnten,zu denen im Laufe unseres Jahrhunderts noch eine grosse Anzahl ananderen Orten hinzugekommen ist.
In den Ländern deutscher Zunge ging man langsamer vorwärts.Die im Jahre 1808 in Wien mit 8 Zöglingen eröffnete PrivatanstaltAvurde erst 1816 zu einem öffentlichen Volksinstitute erhoben. Baldschloss sich ihr eine Beschäftigungs- und Versorgungsanstalt an.
In Preussen bekam zuerst Berlin 1806 eine Anstalt, die währendder Kriegsjahre nur mit 2 Zöglingen vegetirte, 1813 aber, wenn auchspäter an einem anderen Orte (Steglitz), zu einem neuen dauerndenLeben erblühte.
Die anderen Staaten folgten mit der Herstellung von Instituten.So treten uns solche entgegen 1809 in Dresden, 1823 in Gmünd (Württem-berg), 1827 in Stuttgart, 1826 in Freising (Bayern), 1829 in Braun-schweig, 1830 in Hamburg u. s. w. In Petersburg war 1806 eine gross-artige, später eingegangene Blindenschule geschaffen worden.
Erwähnen wollen wir noch, dass 1809 in Zürich, 1808 in Amster-dam, 1811 in Kopenhagen, 18,17 in Stockholm, 1818 in Neapel, 1835in Brüssel und mit der Zeit in sämmtlichen Culturstaaten der alten undneuen Welt dem Beispiele in Paris Folge gegeben wurde. Die Grün-dungsjahre aller Anstalten hier aufzuzählen würde den Rahmen dieserArbeit überschreiten. Selbstredend ist in den einzelnen Ländern dieFürsorge eine ungleiche, abhängig von der Cultur und der Finanzkraft