9. Sonderkrankenanstalten und Fürsorge fürBlinde und Augenkranke.
VonProf. Dr. P. Silex,
Augenarzt in Berlin.
a) Fürsorge für Blinde.
Genauere statistische Untersuchungen ergeben, dass im Durchschnittetwas mehr als 8,0 Blinde auf 10000 Menschen kommen. VerschiedeneUmstände, wie Wohlstand, Bildung, Beschäftigung, Klima, die Möglich-keit ärztlicher Hülfeleistung u. s. w. bringen es mit sich, dass die Zahlenin den einzelnen Ländern sehr schwanken. So fanden sich in Hollandz. B. nur 4 Blinde auf 10000, während in Deutschland 8,5, in Nor-wegen 13,6, in Argentinien 20,0, in Russland 21,0 und in Irland 34,0auf die gleiche Anzahl gezählt werden. Bei 45 Millionen Einwohnernhaben wir in Deutschland demnach rund etwa 39000 Blinde. Ziehtman in Betracht, dass nur ein kleiner Theil derselben im Stande ist,vollständig für sich zu sorgen und sich zu ernähren, so ergiebt sich,dass der Gemeinschaft der Sehenden, d. h. dem Staate volkswirthschaft-lich eine schwere Last aufgebürdet wird, so gross, dass es, natürlichauch vom humanitären Standpunkte aus, den besten Elementen der Na-tionen seit langer Zeit als ein hohes erstrebenswerthes Ziel vorschwebte,dieselbe durch Förderung hygienischer Kenntnisse, rationelle ärztlicheBehandlung, Einrichtung besonderer Anstalten für Augenkranke undBlinde zu vermindern. Und dazu kommt, dass durch diese Maass-nahmen, indem sie die Zahl der Blinden verringern, eine unendlicheSumme von menschlichem Elend und Jammer getilgt wird, der schönsteLohn für alle Mühe und Arbeit.
Nicht immer ist es so gewesen. Vor 100 Jahren ungefähr kümmerteman sich in Europa nicht viel um das Schicksal der Blinden. Sie galtenals eine minderwerthige Sorte Menschen. A r ielfach als bildungsunfähigbetrachtet, waren sie vom Pöbel verachtet und Verstössen und daraufangewiesen, durch Bettelei und durch Erregung von Mitleid ihren Jjebens-unterhalt zu erwerben. Die wenigen Blinden, die durch besondere Geistes-fähigkeiten sich auszeichneten, es zu Universitätslehrern, zu grossen Mu-