Druckschrift 
1 (1899)
Entstehung
Seite
554
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554 E. Fl arte,

der aus der Anstalt Entlassenen bleibt die Sorge für geeigneteUnterbringung derselben, am besten an Orten, wo Enthaltsamkeits-vereinc bestehen oder wenigstens in der Trinkerheilbewegung bewanderteFamilien oder solche, welche sich liebevoll entlassener Trinker annehmenund für die ihnen dienliche Lebensweise volles Verständniss haben. Wonicht Enthaltsamkeitsvereine oder geeigneter Familienanschluss dem Ent-lassenen zur Verfügung stehen, wird den Entlassenen immerhin seinVerkehr im Kreise von Mässigkeitsfrcunden, in Jünglingsvereinen undsonstigen Vereinigungen der Inneren Mission, in Herbergen zur Heimath,kurz überall da, wo ein Zwang zum Genuss alkoholischer Getränke oderwenigstens das Beispiel unmässigen Gebrauches derselben nicht besteht,am ehesten vor einem Rückfall bewahren. Es gilt vor. allem aber auchden Entlassenen wieder Eintritt in ihren Beruf oder sonst Arbeit zu ver-schaffen. Dass in dieser Hinsicht die Hilfe von Arbeits- und Fabrik-herren, von Landwirthen wie Industriellen, von Arbeitgebern jeder Artyon ungeheuerem Werthe ist, leuchtet ein. Dass sich dieselben mit denLeitungen der Heilanstalten diesbezüglich ins Einvernehmen setzen, istdringend zu wünschen.

Naturgemäss bleiben die grossen Städte mit ihren zahllosen Ver-führungen zu liederlichem Lebenswandel und unmässigem Trünke diegefährlichsten Stätten für den Geheilten. Hier ihn unterbringen, dürfteebenso bedenklich wie schwierig sein. Mit gutem Erfolg sucht manweiterhin die Entlassenen in dauernder Verbindung mit der Anstalt zuerhalten, sei es durch schriftlichen Verkehr, sei es durch eigenen wieder-holten Besuch in der Anstalt oder Besuche des Hausvaters oder sonstigerAngestellter bei ihm. Das Gefühl bleibender Verbindung mit der Stätteund den Personen, welchen die Genesenen ihre Rettung verdanken, be-festigt sie gegenüber den beständig an sie herantretenden Verführungennamentlich da, wo ihnen Anschluss an Enthaltsame nicht geboten ist.Besuche der enthaltsam Gebliebenen in der Heilstätte wirken auf derenInsassen natürlich besonders günstig ein.

Prof. Forel äussert sich zur Frage der geeigneten Versorgung derEntlassenen folgendermaassen: „Da nach einer langen Erfahrung fest-gestellt worden ist, dass ein gewesener Trinker nur in den seltenstenFällen zur Massigkeit im Genuss alkoholischer Getränke zurückkehrenkann, dass er vielmehr, sobald er diesen massigen Genuss probiren will,mit fast mathematischer Sicherheit rückfällig, d. h. wieder baldigst zueinem Trunkenbold wird, muss die ganze Energie des Hausvaters daraufconcentrirt werden, aus den Pfleglingen der Anstalt bei ihrer Entlassunglebenslängliche Abstinenten und Mitglieder von Abstinenzvereinen zumachen. Das ist erfahrungsgemäss weitaus der sicherste Weg zur de-finitiven Heilung, oder besser gesagt, der einzige. Die Trinkerheilanstaltmuss daher gewisse Beziehungen zu den Abstinenzvereinen unterhalten,damit die Pfleglinge nach ihrer Entlassung einen sie stützenden geselligenVerkehr linden."