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1 (1899)
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527
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Sonderkrankenanstalten und Fürsorge für Trinker. 527

2. Pas Wesen der Trunksucht und ihre Heilung - .

Aus der kurzen Betrachtung über den Alkoholismus haben wir be-reits ersehen, wie die Trunksucht durch andauernden gewohnheits-mässigen Alkoholgenuss erworben werden kann. In der That ist dieseerworbene Trunksucht die häufigste ihrer Formen und diejenige,welche an erster Stelle die nur allgemein geschilderten Schädigungendes Individuums, wie der Gesammtheit verschuldet. Bei der Mehrzahlunserer Gewohnheitstrinker stellen sich neben den Erscheinungen derAbnahme und des allmählichen Verfalles der körperlichen FunctionenStörungen der geistigen Kräfte um so leichter und um so eher ein, jekonzentrirter die aufgenommenen alkoholischen Getränke sind. DasCharakteristische für den Eintritt der Trunksucht ist, wie oben an-gedeutet wurde, der Verlust der eigenen Willensfreiheit. DerTrunksüchtige kann nicht mehr zurück aus dem Banne des unmässigenchronischen Alkoholkonsums; die Sucht nach solchem hält ihn fest ge-fangen und überwältigt ihn immer von neuem unwiderstehlich trotzguter Vorsätze und des Entschlusses zur Umkehr und des Wunschesnach Befreiung aus seiner Zwangslage. Der Alkoholiker in solchemZustande ist, wie erwähnt, ein Kranker, der dringend ärztlicherHilfe bedarf. Der unmässige Trinker an sich braucht nicht durchaustrunksüchtig zu sein oder zu werden, und die amerikanischen Autoritätenhaben mit Unrecht, wie Nasse ehedem wiederholt eingehend begründethat, jeden Gewohnheitstrinker als Trunksüchtigen in eine Heilanstaltverwiesen. Der seiner Selbstbestimmung nicht mehr fähige Trunk-süchtige ist naturgemäss sich wie anderen eine beständige Gefahr, undes liegt in seinem wie der Gesellschaft ureigensten Interesse, dass eraus diesem Zustande errettet wird.

Die Trunksucht tritt in mannigfacher Weise und verschiedenstenAeusserungen bei den Einzelnen in die Erscheinung. Oft ist sie geraumeZeit schon vorhanden, ehe nur der Laie zu ahnen beginnt, dass der vonihr Betroffene schon vollkommen in ihrer Gewalt ist, geschweige dennletzterer sich selbst für irgendwie gefährdet hält. Noch bewegen sichdiese Alkoholiker frei in der Gesellschaft umher. Nur das Auge desSachkundigen wird schon erkannt haben, wie ihre Urtheilskraft, ihreEnergie, ihr Gedächtniss der alten Sicherheit ermangeln, wie ihr Gemüthabzustumpfen beginnt, wie ihre Intelligenz leidet. Bald werden aberauch dem schärfer beobachtenden Laien AVorte und Handlungen solcherTrunksüchtiger unüberlegter, einsichtsloser und unbegründeter, denn vor-dem, erscheinen. Andererseits wird ihm hier eine Erregbarkeit an ihnenauffallen, die ihnen zuvor nicht eigen war, dort eine Gleichgültigkeit undNachlässigkeit, deren sie ehedem sich nicht schuldig gemacht habenwürden. Allmählich stellen sich Zeichen von Unsicherheit in Erledigungder alltäglichen Geschäfte ein, Vergesslichkeit und Unzuverlässigkeit inBerufspflichten, bis gröbere Verstösse und handgreiflichere Fehler undVergehen auch den Unkundigen über den Zustand des Erkrankten belehren.