Sonderkrankenanstalten u. Fürsorge f. Nervenkranke, Epileptische u. Idioten. 511
Bei Idioten, die Schulkenntniss haben, hat man mehr Anhalts-punkte für die Schätzung der psychischen Leistungsfähigkeit. Ein rich-tiges Urtheil ermöglicht erst die weitere Beobachtung, da die Idioten beider ersten Untersuchung meist schüchtern und ängstlich sind.
Man beschränke sich deshalb das erstemal auf die allgemein ärzt-liche Untersuchung, besonders der Brust- und Bauchorgane. In ersterLinie ist auf die Zeichen der Tuberculose oder der ererbten Syphilis zuachten.
Die Idiotie ist die Folge von abgelaufenen Krankheitsprocessen.Eine Heilung giebt es hier nicht, sondern nur Besserung durch eine Er-ziehung, die von psychiatrischen und physiologischen Grundsätzen aus-geht. Epilepsie und andere neuropathische Oomplikationen sind nach densonst üblichen Grundsätzen zu behandeln. Von einer speeifischen Be-handlung können wir in den seltenen Fällen des sporadischen Cretinismus,der myxödematösen Idiotie reden, wo die Behandlung mit Schilddrüsen-saft eine Besserung herbeiführen kann. Ucber den AVerth einer speeifischenBehandlung bei Idiotie nach hereditärer Lues, weiss man noch sehr wenig.Wir haben erwähnt, dass unsere Kenntnisse über diese Form der Idiotienoch spärlich sind.
Die Oraniectomie bei Microphalie, die sogenannte Lannelonguie-sche Operation ist in ihren Voraussetzungen falsch, in Wirklichkeit er-folglos oder schädlich. Sie ist nach der zutreffenden Aeusserung einesenglischen Arztes ebenso rationell wie die Thätigkeit einer Mutter, dieLöcher in die Kleider eines im Wacbsthum zurückgebliebenen Kindesschneidet, um jenes zu befördern.
Mit ableitenden Maassregeln, Haarseilen, Blasenpflastern, ver-schone man die Kranken.
Die Form der Ernährung soll sich in der Hauptsache an dielandesübliche Art und Weise der einfachen bürgerlichen Kreise halten.Wulff berechnet aus dem Kostsatz, wie in Längenhagen seit 1885eingeführt ist, auf Tag und Kopf: 73,62 Stickstoff, 367,36 Kohlenhydrate,5964 Fette. Diese Mengen auf das Durchschnittsalter der Pfleglingeberechnet, entsprechen durchaus den Anforderungen einer guten Ernäh-rung. Ich glaube, dass der Stickstoffwerth dabei noch grösser als noth-wendig ist. Im Allgemeinen ist eine gute gemischte Kost mit Bevorzugungder lakto-vegetabilischen Diät das Richtige. Das beste Nahrungsmittel fürunsere Patienten, namentlich für die jüngeren, ist Milch, ausserdem sindLeguminosen und frische Gemüse in grosser Menge zu verabreichen.Als Frühstück ist eine kräftige Hafer- oder Mehlsuppe dem vorzu-ziehen, was in den Anstalten als Kaffee verabreicht zu werden pflegt.Für das Nachtessen ist Suppe und Brei, im Sommer saure Milch, einezweckmässige Nahrung. Für die Zwischenmahlzeiten ist Brot und Butter,frisches oder gedörrtes Obst zu geben. Geistige Getränke sind bei denPfleglingen und den Kindern im schulpflichtigen Alter gänzlich zu ver-bieten. Dies ist schon wegen der epileptischen Kranken nöthig. Bei