Druckschrift 
1 (1899)
Entstehung
Seite
504
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504 Wildermuth,

Cretinismus in Württemberg. Die Regierung stellte dem Dr. Rösch dieStaatsdomäne Mariaberg zur Gründung einer Anstalt zur Verfügung. DieAnstalt wurde am 6. Mai 1847 eröffnet, leider nicht als Staatsanstalt,sondern als Privatunternehmen mit Staatsbeitrag. Dr. Rösch ging mitgrosser Energie an seine Aufgabe; auch nachdem er 1850 seine Stelle inMariaberg niedergelegt hatte, widmete er sein Interesse noeb der An-stalt. Von dem wissenschaftlichen Geist, in dem die Anstalt in den erstenJahren ihres Bestehens geleitet war, legt die von Rösch gegründeteZeitschriftBeobachtungen über den Cretinismus" Zeugniss ab, leidersind nur 3 Hefte erschienen. Die dort enthaltenen Abhandlungen (vonRösch, Betz, Erlenmayer u. A.), die vortrefflichen literarischen Be-sprechungen sind heute noch werthvoll und lesenswerth. NachfolgerRösch's in dem Vorsteher-Amt waren Prof. Autenrieht und späterGriesinger in Tübingen. Von Griesinger stammt auch der 12. Jahres-bericht der Anstalt.

In dieselbe Zeit fällt auch die Thätigkeit von Dr. Erlenmayer,der in Bendorf in Verbindung mit seiner Irren-Anstalt ein Erziehungs-Institut für schwachsinnige Kinder errichtete.

1849 wurde, ebenfalls von einem Arzt, dem Dr. Müller vonTübingen eine Anstalt für Schwachsinnige in Rieth O.-A. Vaihingen ge-gründet. Sie wurde später nach Winterbach und 1863 nach Stetten i. R.verlegt.

Auch in Schleswig war es ein Arzt, Dr. C. F. Hansen, der 1852eine Anstalt für Schwachsinnige gründete.

Diese Schöpfungen stellen die erste Periode in der Geschichte derIdiotenfürsorge in Deutschland dar. Das Interesse für die Gretinen stehthier noch im Vordergrund und was sie besonders bedeutungsvoll macht,ist der Umstand, dass es wesentlich ärztliche Gesichtspunkte waren, vondenen sich die Gründer leiten Hessen. Wohl waren es der Mehrzahlnach Männer von gläubig-religiösem Sinn, die sich an die schwere Auf-gabe gewagt haben, aber daneben bewahrten sie einen offenen Blick fürwissenschaftliche Forschung und Betrachtungsweise, die sie in denDienst echter Menschenliebe stellten. Auch die Lehrer, denen wir hierbegegnen, gingen bei ihren Heilversuchen von wissenschaftlicher Pädagogikund von physiologischen Voraussetzungen aus. Ein enger confessionellerStandpunkt war ihnen fremd. Wir fragen uns heute mit einiger Weh-muth, was für die wissenschaftliche Erforschung der Idiotie hätte geleistetwerden können, wenn in diesem Sinn weiter gearbeitet worden wäre!

Die zweite Periode in der Geschichte der Idiotenanstalten steht inmittelbarem oder unmittelbarem Zusammenhang mit dem Aufleben derchristlichen Wohlthätigkeit, namentlich in protestantischen Kreisen, diealsInnere Mission" allmählich eine weit ausgedehnte, einflussreicheOrganisation erhalten hat. Das was hier geleistet worden ist, ist be-deutend und in hohem Grad anerkennenswerth. Allmählich entstandenin ganz Deutschland Anstalten zur Erziehung und Ausbildung Schwach-sinniger, theils für diese allein, theils gleichzeitig für Epileptische. Die