Sonderkrankenanstalten u. Fürsorge f. Nervenkranke, Epileptische u. Idioten. 489
Die Fürsorge für Idioten.1. Die Krankheitserscheinungen hei der Idiotie.
Unter dem Namen Idiotie fasst man alle Zustände zu-sammen, in denen eine Missbildung oder eine Erkrankung desGehirns zu einer Hemmung der geistigen Entwicklung vorder Pubertät und dadurch zu dauernder geistiger Schwächegeführt hat.
Das Hauptsymptom der Idiotie, das allen ihren Formen und Ab-stufungen gemeinsam ist, ist die psychische Schwäche; wir finden sie inallen Graden, von dem völligen Blödsinn bis an die schwankendenGrenzen normalen Verhaltens, bis an die Uehergänge zur Dummheit undBeschränktheit.
Die psychische Schwäche kann auftreten als rein torpide, aner-getische Form. Die Perception fehlt oder ist vermindert, die Associationder Vorstellungen ist dürftig oder langsam. Oder haben wir es mit dererethischen Form zu thun: Es findet eine rasche und lebhafte Per-ception statt, die aber wegen der beständigen Ablenkung durch äussereEindrücke nicht oder nur in spärlichem Umfang zur Bildung bestimmterVorstellungsgruppen führt und das Festhalten der Eindrücke durch dasGedächtniss schädigt.
Zu der psychischen Grundstörung der Idiotie — der psychischenSchwäche — treten nicht selten noch Störungen anderer Art. Diesescomplicirende Irresein äussert sich meist in unentwickelten Formenund hat die Neigung, in periodischer oder circulärer Weise aufzutreten.Hallucinationen kommen vor, aber nicht gerade häufig, dagegen beobachtetman öfters Zwangsvorstellungen, die als solche peinlich empfundenwerden können. Primäre Wahnvorstellungen sind nicht selten, siekönnen zu Krankheitsbildern führen, die an Verrücktheit erinnern.
Alle Idioten sind — in sehr verschiedenen Graden — sittlichmangelhaft veranlagt. Es hängt von der Umgebung, in der sie auf-wachsen und von der Erziehung ab, in wie weit die dürftige sittliche An-lage sich zu Besserem entwickelt oder verödet. Meist handelt es sichum einen einfachen Mangel altruistischer Gefühle, aber auch eine trieb-artige Neigung zum sittlich Hässlichcn und zu verbrecherischen Hand-lungen ist nicht selten.
Insofern kann man die Idioten, vom ethischen Standpunkt aus, ein-theilen in solche, die de rGesellschaft hilflos, und solche, die ihr feind-lich gegenüber stehen: „Les idiots sont extrasociaux, les imbecilesantisociaux" (Sallia).
Es mögen hier noch einige Zahlen folgen über die Criminalitätund Gemeingefährlichkeit der Idioten.
Nach dem Durchschnitt vom Jahr 1877—L891 waren von den inden württembergischen Staats-Irren-Anstalten aufgenommenen Idioten63,6 pCt. mit dem Gesetz in Conflikt gekommen. In den Jahren 1892
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