Sonderkrankenanstalten u. Fürsorge f. Nervenkranke, Epileptische u. Idioten. 457
dieser Theorie, die sich besonders auf Thicrversuchc stützt, ist diekrankhaft veränderte Hirnrinde der primäre Ausgangspunkt des epilep-tischen Anfalls. Zwischen der idiopathischen und der sogenannten par-tiellen, cortikalen Epilepsie bestehe kein grundsätzlicher Unterschied.
Nach anderen Theorien ist ein gemischter Ursprung anzunehmen.Entweder nimmt man an, dass eine primär in der Hirnrinde cnstandencErregung sich basalwärts fortpflanze und intracorticale Krämpfe hervor-rufe, oder es wird angenommen, dass die primäre krankhafte Erregung inder Mcdulla ihren Sitz habe und in periodischer Weise zur Reizung desvasomotorischen Centrums führe. Die in Folge dessen die Hirnrinde be-fallende Ernährungsstörung rufe die Veränderung des Bcwusstscins undje nachdem auch tonische und klonische Krämpfe hervor.
Es ist hier nicht der Ort, näher auf diese Theorien einzugehen.Ich möchte hier nur im Gegensatz zu Unvcrricht betonen, dass klinischein einschneidender Unterschied zwischen der eigentlichen und der so-genannten Jacksonischen Epilepsie besteht.
Ucber das eigentliche Wesen der Epilepsie wüssten wir selbstdann noch nichts, wenn wir den Ausgangspunkt des einzelnen Anfallsim Gehirn genau kennen würden. Die anatomische Untersuchung hatuns noch keine Veränderung im Gehirn gezeigt, die für Epilepsie irgendwie charakteristisch wäre.
In neuerer Zeit hat sich die Forschung nach dem Wesen der Epi-lepsie in anderer Richtung bewegt. Die Zahl der Aerzte wächst, diedie Fallsucht als die Folge einer Vergiftung ansehen, bedingt durch An-häufung giftiger Stoffwechselerzeugnisse im Blut. Das Auftreten epilep-tischer Anfälle bei Urämie und anderen toxischen Zuständen legt diesenGedanken nahe. Krainsky hat geradezu ausgesprochen: „Die Epi-lepsie ist keine Krankheit des Nervensystems, sondern des Stoffwechsels."
Dass das Blut und die Absonderungen der Fallsüchtigen giftig seien,ist ein uralter Volkglaube. Voisin^ Abundi, Legrein, Krains,kyhaben die Toxität des Blutes und der Sekrete wissenschaftlich fest-gestellt.
Ueber die Natur dieses Giftes ist noch nichts Sicheres bekannt.Haig hat die Anfälle der Hermicranie, wie die der Fallsucht aus einerAnhäufung von Harnsäure im Blut zu erklären gesucht. Er hatte ge-funden, dass die Harnsäuremenge vor dem Anfall sinkt und nachhersteigt. Herter hat dies mit einigen Einschränkungen bestätigt und auchAckermann neigt sich dieser Ansicht zu. Nach Krainsky ist der Zu-sammenhang zwischen der Harnsäuremenge und dem Anfall so regel-mässig, dass man aus der Verminderung der Harnsäureausscheidungseinen Eintritt vorhersagen kann. Nach Krainsky besteht das Wesender Epilepsie nicht in einer Retention der Harnsäure, sondern in einerUmgestaltung ihrer Entstehungsweise. Auf Grund von Versuchen undvon theoretischen Erwägungen, kommt er zu dem Schluss, dass dasGift im Blut der Epilepsie das Ammoniak und zwar das carbaminsaureAmmoniak sei.
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