Sonderkrankenanstalten und Fürsorge für Geisteskranke. 407
z. B. eine psychiatrische Klinik wird, wie eine einfache Ueberlegung lehrt,anders eingerichtet sein müssen, als die grossen Anstalten mit ihrerüberwiegend chronisch - geisteskranken Bevölkerung. Letztere werdenihren Kranken eine bedeutend grössere Freiheit der Bewegung gebenkönnen, da ja bei chronischen Kranken das Auftreten stärkerer Erregungimmerhin nur episodisch stattfindet und in der Mehrzahl der Fälle einegeistige Abschwächung Platz greift. Gegen die jetzt drohende Gefahrvölligen geistigen Zerfalls hilft nur eine geregelte Beschäftigung (vergl.weiter unten).
Bei der jetzigen freien Behandlung der Geisteskranken in den Irren-anstalten und bei dem Bestreben, möglichst viele Kranke aus der ge-schlossenen Anstalt heraus in die Oolonie zu legen, kommt es natürlichnicht selten vor, dass sich einer oder der andere der Kranken, die dochmeist gegen ihren Willen in der Anstalt sind, aus der Anstalt entfernt.Ein solches Ercigniss bildet durchaus keinen Vorwurf für die Leitungder Anstalt; vielmehr dürfen wir mit Snell (1. c.) behaupten, dass dasvollständige Fehlen der Entweichungen den Verdacht erweckt, es werdedie freie Behandlung der Kranken mit zu grosser Aengstlichkcit gehand-habt. In den meisten Fällen ist es ja auch gar kein Unglück, wennein Kranker sich entfernt; kehrt er zu seiner Familie zurück, so behältsie ihn nicht selten längere Zeit; kann er ausserhalb der Anstalt Arbeitfinden, so ist es noch besser, und ist er irgendwie auffällig, so wird er jadoch bald wieder der Anstalt zugeführt. Natürlich darf man Kranke,die sich oder anderen gefährlich sind, entweder gar nicht oder nur dannin freien Abtheilungen behandeln, wenn nach Lage ihres gesammtengeistigen Zustandes es unwahrscheinlich erscheint, dass sie sich ohneärztliche Erlaubniss von der Anstalt entfernen.
Die Anstalt Dziekanka.
Die Irrenanstalt als Ganzes ist mehr, wie jede andere Special-Krankenanstalt, in allen ihren Theilen, in der ganzen Anordnung und inder speciellen Durchführung ihrer Bauten und Einrichtungen so ver-schieden von den anderen Krankenhäusern, dass eine kurze Beschreibungeiner modernen Irrenanstalt an dieser Stelle nothwendig ist. Es seihierzu die Irrenanstalt der Provinz Posen Dziekanka bei Gnesen gewählt,einerseits, weil sie ganz neu und mit Benutzung aller neueren wissen-schaftlichen Erfahrungen gebaut, andrerseits, weil sie in ihrem Plan undin der Anordnung der einzelnen Gebäude sehr übersichtlich ist. DieBaubeschreibung und den Lageplan der Anstalt verdanke ich der Liebens-würdigkeit ihres Direktors, des Herrn Sanitätsrath Dr. Kayser, demauch an dieser Stelle nochmals für diese Freundlichkeit zu danken, mirPflicht und Bedürfniss ist.
Die am 20. October 1894 eröffnete Anstalt ist für die Kranken desRegierungsbezirks Bromberg und einiger Kreise des RegierungsbezirksPosen bestimmt; der Bezirk, auf den sie hinsichtlich ihres Kranken-
Handbuch der Krankenversorgung u. Krankenpflege. I. Bd. 27