Sonderkrankenanstalten und Fürsorge für Syphilitische und Lepröse. 369
das Untersuchungslokal wird zum Ambulatorium. Diese Anordnungwürde auch die ausserordentlich wünschenswerthe Einführung der poli-klinischen Behandlung der Prostituirten erleichtern, von welcher weiterunten noch die Rede sein wird.
Gegenwärtig bilden neben den 3 wichtigsten Geschlechtskrankheiten,Syphilis, Gonorrhoe und weicher Schanker, allerhand Hautausschläge,sowie gelegentliche, nicht venerische Erkrankungen der GeschlechtsorganeGegenstand der Untersuchung. Zweifel können nur obwalten betreffsder Gonorrhoe: da nicht jeder Ausfluss aus den weiblichen Genitaliengonorrhoischer resp. contagiöser Natur ist, und da andrerseits, wieNeisser nachgewiesen hat, Gonorrhoe auch ohne wesentliche Sekretionbestehen kann, so sollte die Untersuchung des Cervicai- und Urethralsekretsauf Gonococcen — wie sie Neisser vorgeschlagen hat, und wie sie inBreslau, Bonn, Stuttgart, Wiesbaden etc., geübt wird — unerlässlich er-scheinen. Da aber, wie es scheint, die überwiegende Mehrzahl der Pro-stituirten andauernd oder doch fast andauernd an Gonorrhoe leidet, undda von verschiedenen Seiten die Erfolglosigkeit der GonorrhoebehandlungProstituirter mit grösster Entschiedenheit verfochten wird, so scheint esfraglich, ob die Gonorrhoe überhaupt Gegenstand der Behandlung (s. u.)und somit der Untersuchung bilden soll. Die Frage erscheint zur Zeitjedoch noch nicht genügend geklärt, um ein endgültiges Urtheil zu fällen.
III. Behandlung.
Die Behandlung der venerischen Prostituirten ist fast überall einezwangsweise. In Berlin werden die krank befundenen Mädchen sofortzurückbehalten und per Wagen in die Krankenabtheilung im städtischenObdach transportirt, woselbst sie bis zum Schwinden der sichtbarenKrankheitserscheinungen internirt gehalten werden. In Petersburgwerden von den erkrankten Mädchen nur die unzuverlässigen direct vomUntersuchungsraum ins Krankenhaus geschickt; die übrigen erhalten nurdie Weisung, sich am selben Tage spätestens bis 4 Uhr Nachmittags imHospital einzufinden. In Brüssel werden alle Erkrankten, auch dieblos Verdächtigen sofort dem Krankenhaus überwiesen. In Paris werdendieselben in das Hospital von St. Lazare gesandt, ein Gefängniss, inwelchem auch die wegen irgend einer Controllübertretung bestraften Pro-stituirten sowie Verbrecher untergebracht sind. In Brüssel und Lillebefinden sich die Abtheilungen für die Prostituirten in den allgemeinenKrankenhäusern, in Breslau im grossen städtischen Allerheiligen-Hospital. Besonders gut ist für die erkrankten Prostituirten in Kopen-hagen gesorgt, wo das im Jahre 1886 erbaute Vestre-Hospital unterLeitung des bekannten Syphilidologen Professor Bergh zur Aufnahme derkranken Prostituirten bestimmt ist. Die gesammte Einrichtung diesesHospitals beruht auf dem Princip, den Prostituirten ihren im Interesseder Allgemeinheit erzwungenen Aufenthalt möglichst angenehm und vor-theilhaft zu gestalten.