Druckschrift 
1 (1899)
Entstehung
Seite
262
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262 G. Liebe,

Krankenkassen, um sie den Angehörigen zukommen zu lassen, „in einergrossen Zahl von Fällen wurde ein Theil der von den Krankenkassenzu leistenden Zuschüsse an die Familien der Verpflegten zur Erhöhungder Familienunterstützung überwiesen, und durch Schreiben vom 22. No-vember 1895 theilte der Vorstand der hanseatischen Versicherungsan-stalt den Krankenkassenvorständen mit, dass bis auf weiteres bei Ver-heiratheten oder verwitweten Personen, welche Kinder unter 15 Jahrenzu versorgen haben, allgemein so verfahren werden solle, dass nur 1 M.für den Pflegetag als Beitrag der Krankenkasse zu den Pflegekosten ab-geführt, der überschiessende Betrag von 0,50 M. für den Tag aber derFamilie zur Erhöhung der dieser zustehenden Familienunterstützungüberwiesen werden solle." Diese Massnahmen sind indessen auch nochreformbedürftig und sowohl die Forderung, welche Weicker auf derVersammlung der Centralstelle für Arbeiterwohlfahrt in Frankfurt aus-sprach: Die Unterstützung solle nicht gleichmässig, sondern „nach derZahl der hungrigen Mäuler daheim" gezahlt werden, muss als berechtigtanerkannt werden, als auch unter Hinweis auf die oben geschildertenErlebnisse die von Friedberg auf der Braunschweiger Naturforscher-Versammlung aufgestellte: Die Versicherungsanstalten sollen die ganzeHeilbehandlung tragen, sodass sämmfüche Krankenkassen beitrage denFamilien zufielen.

Eine werthvolle Hilfstruppe auf diesem Gebiete besitzen wir in denwohlorganisirlen deutschen Frauenvereinen. Auf dem dritten Verbands-tage der deutschen Frauenvereine zu Würzburg vom 18.—20. Juni 1896hat Pannwitz, auf der Delegirten- und Generalversammlung des Vater-ländischen Frauenvereins am 30. und 31. März 1897 zu Berlin Schultzenin begeisternden Worten diese Beihilfe geschildert. (Das Rothe Kreuz,1896, No. 13, 1897, No 7.) Es wird Aufgabe der Vereins vor stände undHeilstättenleiter sein, sich in ihrem Wirkungskreise mit den Frauenvereinenins Einvernehmen zu setzen. Eventuell sind, wie z. B. in Wien u. a. eigeneDamengruppen des Vorstandes zu bilden. In Riga hat sich jetzt (nachSt. Petersburger med. Wochenschrift 1897, No. 13) eine „livländische Ge-sellschaft zur Unterstützung der Familien von Aussätzigen, welche freiwilligin Leprosorien eingetreten sind", gebildet. Die Anwendung auf unsereTuberculosen liegt nicht fern.

In welcher Weise für die Angehörigen zu sorgen ist, hängt vomEinzelfalle ab. „Nicht wird es in jedem Falle möglich und nöthig sein,eine Unterstützung durch Baarmittel eintreten zu lassen. Es wird ebenSache der Prüfung jedes Einzelfalles sein, welche, wie alle anderenMassnahmen,' nur nach Benehmen und in steter Fühlung mit den be-treffenden Heilstätten vorgenommen werden müsste, ob und wieweitwirkliche Bedürftigkeit und Würdigkeit vorhanden ist. Hier genügt esvielleicht durch Gewährung von Kleidungsstücken oder Nahrungsmitteln,Beköstigung in Familien oder Volksküchen, die Noth zu lindern, dortlässt sich durch Zuweisung von Arbeit an die Frau oder erwachseneKinder helfen, in anderen Fällen wieder ist es am Platze, durch geeignete