Geschichtliche Entwicklung der Krankenpflege. 145
Amalie von Graevenitz setzt der Verein seine segensreiche Wirksamkeit fort, da jähr-lich Schwestern theils zum Zwecke der Verheirathung, theils aus anderen Gründenwieder ausscheiden, so hat der Verein nur eine Durchschnittszahl von 20 bis25 Schwestern. Im Jahre 1897 waren 22 Schwestern im Verein, 12 Schwestern stehenfür den Kriegsfall zur Verfügung.
Anschar-Sch western und Krankenhaus in Kiel.
Im Anfang des Jahres 1872 setzte sich der Vaterländische Frauenvereinin Kiel auf Anregung der Vorsitzenden, Gräfin Charlotte zu Rantzau, behufs Be-gründung einer Anstalt zur Ausbildung von Krankenpflegerinnen in Kiel mit denVorstehern der dortigen akademischen Heilanstalten und einer Reihe von sonstigenangesehenen Bewohnern der Stadt Kiel in Verbindung und erliess in Gemeinschaftmit diesen am 15. April 1872 einen Aufruf zur Leistung von Beiträgen für den ge-dachten Zweck.
Nachdem Ihre Majestät die hochselige Kaiserin und Königin Augusta das Pro-tektorat über die zu gründende Anstalt übernommen hatte, und durch die Gaben, diedas Cenlralkomito des Preussischen Landesvereins vom Rothen Kreuz, des Vater-ländischen Frauenvereins, der Gesellschaft freiwilliger Armenfreunde in Kiel undandere Vereine gewährten, sowie durch die in Folge des Aufrufes eingegangenen Bei-träge die erforderlichen Mittel gewonnen waren, wurde in der Annenstrasse in Kielauf einem von den beiden Fräulein Dorothee und Auguste Härder geschenkten Grund-stück ein Haus zur Aufnahme der Krankenpflegerinnen erbaut und nach Vollendungdieses Baues die Anstalt unter dem Namen: „Mutterhaus zur Ausbildung von Kranken-pflegerinnen" im Jahre 1873 eröffnet.
Der Zweck der Anstalt wurde in der ersten Zeit nur beschränkt auf die Aus-bildung von Krankenpflegerinnen: „Jungfrauen und Frauen evangelischen Bekennt-nisses, welche sich mit innerem Antriebe diesem Lebensberufe'widmen wollen, zutüchtigen Krankenpflegerinnen auszubilden und sie in einer ihre Lebensstellungsichernden-Genossenschaft zu vereinigen." Später jedoch (Satzungen vom 11. Juni1895) wurden noch drei weitere Ziele diesem Hauptzweck angefügt, nämlich „eineKrankenheilanstalt zu unterhalten und für den Kriegsfall zur Verfügung zu stellen;— die Schwestern ausserhalb der Anstalt für Privat-Krankenhaus- und Gemeinde-pflege zu verwenden und im Falle eines Krieges für die Krankenpflege zur Verfügungzu stellen; — auch solchen Jungfrauen und Frauen, welche, ohne in die Genossen-schaft der Anstalt einzutreten, sich der Krankenpflege zu widmen wünschen, die Ge-legenheit zur Ausbildung für diesen Beruf und Aufnahme in das Haus für die Lehr-zeit zu gewähren." In Folge dieses erweiterten Zweckes entsprach der alte Namenicht mehr den thatsächlichen Verhältnissen, Ihre Majestät die Kaiserin und Königingenehmigte daher im Jahre 1890 allerhöchst, dass die Anstalt die Benennung:„Anschar-Schwestern- und Krankenhaus" erhielt. Allerhöchstdieselbe liess dannunter dem 12. Dezember 1895 dem Vorstande durch ihren Oberhofmeister eröffnen,dass sie das Protektorat der Anstalt, das Ihre Majestät nach dem Tode der KaiserinAugusta übernommen hatte, nicht weiter fortführen werde, da Ihre Majestät alsProtektorin des llothen Kreuzes grundsätzlich Spezialprotektorate über Anstalten,welche zum Rothen Kreuz gehören, nicht führe.
Die Anstalt wird durch einen Vorstand geleitet, der aus 5 Damen und 7 Herrenbesieht, unter denen sich ein Rechtsverständiger, ein Mitglied der Direktion der aka-demischen Heilanstalten, ein Seelsorger und ein Rechnungskundiger befinden muss,ausserdem aus der Oberin und dem Arzt der Anstalt.
Im Jahre 1895 erklärte die Anstalt ihren Beitritt zu dem Verbände deutscher
Handbuch der Krankenversorgung u. Krankenpflege. I. Bd. jq