Geschichtliche Entwicklung der Krankenpflege. 73
die erste Kinderfamilie einrichten. Schon 1834 wurde ein neues Familienhaus, daserste nach Wicherns Angabe und Plan erbaute, die sogenannte „Schweizerhütte" be-zogen, dann folgten jedes Jahr neue Bauten, und schon zu Beginn der 40er Jahrestand das geplante Rettungsdorf da. Zu den Knaben gesellten sich Madchen, zu denKinderfamilien Brüder, denn das Rettungshaus „Rauhes Haus" war inzwischen demPlane Wicherns gemäss zu einer Erziehungs- und Bildungsanstalt für Laienhelfer ge-worden, die Wichern „Brüder" nannte. Nun fing man an, sich in weiteren Kreisenfür die Arbeit Wicherns zu interessiren, Geld und Brüder kamen in hinreichenderMenge zusammen, dieBrüderzumTheil aus den sich damalsbildenden Jünglingsvereinen(Bremen 1833 unter Mallet, Erlangen 1835 unter. Raumer, Elberfeld 1838 unterDöring, Hannover 1839 unter Petri, Ronsdorf 1847 unter Dürselen). Das Jahr 1845ist das eigentliche -Gründungsjahr der ersten Brüderanstalt, die geeignete jungeMänner sammeln sollte, die nur um des Evangeliums willen den Dienst an den Armen,Verlassenen und Kranken als Lebensaufgabe aus selbstloser Liebe erfassen. In dem„Briidcrhause" wollte Wichern diese Helfer praktisch vorbereiten, geistig prüfen undihnen den Weg in eine geordnete Berufsthätigkeit eröffnen, die sie als Gefängnissauf-seher, Hausväter in Rettungshäusern, Waisenhäusern, Blöden- und Epileptischen-Anstalteü, Herbergen zur Ileimath, Kolporteure, Stadtmissionare und Krankenwärterfinden sollten. Nach dem Muster des „Rauhen Hauses" und seiner Brüderanstalt sindseit 1833 an den verschiedensten Orten Deutschlands Brüderanstalten eingerichtetworden. Die, die gegenwärtig bestehen, im Ganzen 12, haben sich zusammenge-schlossen zu einer Konferenz der Brüderanstalten vom „Rauhen Haus", deren Vor-steher jetzt Pastor Kobelt in Neinstedt ist. Doch ist jede Brüderanstalt unab-hängig vom „Rauhen Hause" oder von einer anderen Anstalt eine Organisation für sich,die Vorsteher finden sich in gewissen Zwischenräumen zu gemeinsamen Konferenzenzusammen. Die Namen der einzelnen Anstalten, die zu diesem Verbände (Konferenz)gehören, sind mit ihrem Brüderbestande, d. h. der Zahl der zur Ausbildung imBrüderhause befindlichen Brüder, der Seelenzahl der Brüderschaft, d. h. der Zahlder im Dienst des Brüderhauses auf auswärtigen Stationen beschäftigten Brüder, derZahl und Art der Arbeitsfelder u. s. w. in der auf der folgenden Seite gegebenenUebersicht aus dem Beginn des Jahres 1897 zusammengestellt.
Aus dem Leben Wicherns sei noch erwähnt: Im Jahre 1849 war Wichern aufdem Wittenberger Kirchentag ein begeisterter Kämpfer für die Bestrebungen, die erebenso wie der Göttinger Theologe Lücke mit dem Namen „Innere Mission" zusammen-gefasst hatte. Er erreichte es, dass auf jenem Kirchentage der Centralausschuss fürinnere Mission gebildet wurde, der seitdem für die Werke der Nächstenliebe inausserordentlich verdienstvoller Weise thätig gewesen ist. Wichern ist der eigent-liche Begründer der inneren Mission geworden. Sein Hauptverdienst ist ohneZweifel, dass er weite Kreise der Bevölkerung, auch solche, die den Werken derNächstenliebe vollkommen fern standen, für die Pflege und Versorgung der Kranken,Gebrechlichen und Bedürftigen jeder Art gewonnen hat. Die innere Mission wurdejetzt an allen Orten in Angriff genommen und dadurch auch der Krankenpflege,einem wichtigen Zweige der inneren Mission, eine allgemeine Förderung zu Theil.Die Notwendigkeit vermehrter Fürsorge für die Bedürftigen machte sich in derersten Hälfte unseres Jahrhunderts, namentlich in den ersten Jahrzehnten in Deutsch-land den wohlthätigen Kreisen umsomehr fühlbar, als man nach den Befreiungs-kriegen überall eine verarmte und zum Theil auch sittlich verrohte Bevölkerunggefunden hatte. Der im Jahre 1849 in Wittenberg gegründete Centralverein für innereMission bildet 1 seitdem die Centralstelle für die gesammte Liebesthätigkeit der evan-gelischen Kirche. In ihr treffen sich die vielfach gestalteten Einrichtungen für Armen-und Krankenpflege, Brüderhäuser^ Diakonissenhäuser, Rettungsanstalten, Kleinkinder-