FICHTE 88
der obigen Briefstelle eine spätere, vorsichtig nur als Frage gegebeneAnmerkung (S. 141), ohne sich aber auch mit ihr zu decken; diesezweite Note ließ er in der 2. Auflage (1793) fort, ein Beweis dafür,daß sie ihm zu schaffen machte.
Geholfen war mit einer Milderung schwerlich. Vergebens auch er-klärte Fichte, sein Buch gehöre vor die philosophische Fakultät; dietheologische hatte einmal ihr Urteil gesprochen, und dabei blieb es.Schon sollte das Manuskript im Ausland, in Jena, gedruckt werden,als der Wechsel im theologischen Dekanat überraschend genug dieSchwierigkeit beseitigte. An die Stelle Schultzes trat Professor Knapp,der trotz seiner Orthodoxie das Recht der freien Forschung aner-kannte, und dieser hatte den Mut, gegen die Entscheidung seinesVorgängers, vielleicht auch mit Rücksicht auf die von Fichte ange-brachten Änderungen, dem Werk des unbekannten Autors das Im-primatur zu erteilen. „Ich wünsche dem Censor Glück zu seinemgesunden Menschenverstände", schrieb Fichte (21. Mai 1792), als ervon dem endlichen Erscheinen seines Erstlings hörte, ohne ihn nochgesehen zu haben, an seinen in Königsberg gewonnenen FreundTheodor v. Schön: „wünsche ihm aber — unter uns! — noch mehrGlück, wenn diese Sache ohne Verdruß für ihn abläuft. Der ersteCensor konnte die Schrift ohne Bedenken passirn lassen; denn es wirdin ihr blos, — freilich ohne die geringste Rüksicht — untersucht,kalt untersucht, nicht gespöttelt, und noch weniger geschimpft: aberein zweiter Censor risquirt, denn die Resultate — sind freilich mitdem W* * * [Wöllnerschen] System nicht wohl zu vereinigen. Doch— ich wenigstens habe meine Seele errettet, und Herr Härtungauch." Irgendwelchen Schwierigkeiten ist das Buch dennoch inPreußen nicht begegnet; die Berliner Immediat-Examinationskom-mission, die, unter Ubergehung des dortigen Konsistoriums, seit Sep-tember 1791 alle theologischen und moralischen Schriften zu prüfenhatte, hielt ein so schwer gelehrtes Werk offenbar für ungefährlich,sie machte eifriger Jagd auf volkstümliche Schriften; auch wolltesie sich wohl noch nicht an dem Manne vergreifen, der, wenigstensdie ersten Monate hindurch, als Verfasser des Aufsehen machendenBuches genannt wurde.
Über die Herkunft des Manuskriptes hatte sich der Verleger gewißauch dem halleschen Zensor gegenüber in Schweigen gehüllt; erließ das Buch zur Ostermesse 1792, ohne dem Verfasser davon etwaszu verraten, sogar anonym erscheinen! Ein philosophisches Werkbei Härtung in Königsberg, dem Verleger Kants, eine Kritik derOffenbarung mit allen Spuren Kantscher Dialektik — das konntenur von Kant selbst sein! Und tatsächlich fiel die Kritik auf dieseIrreführung durch den gerissenen Verleger herein: sie begrüßte dasBuch als ein neues Werk des Königsberger Philosophen, der sich wohl