Druckschrift 
2 (1928)
Entstehung
Seite
52
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DREYER S "

im Berliner Polizeipräsidium hatte zwar mehrere Bedenken dagegen,der Dezernent Dumrath aber erklärte wohlwollend: „Nichts einzu-wenden" (25. Oktober 1899)- Selbst die köstliche Schlußpointe bliebunangetastet. „Hast Du schon mal von Preußen gehört?" fragt derHilfslehrer Benefeldt, ein unverbesserlicher Spötter, den entlassenenProbekandidaten. „Da hat Jeder das verbriefte Recht, durch Wort,Schrift und Druck seine Meinung frei zu äußern. Geh' Du nachPreußen!" Das wirkte auch am Abend der Uraufführung im Deut-schen Theater (18. November 1899), nachdem der durchschlagendeErfolg des Stückes entschieden war, wie eine letzte, knallend zün-dende Rakete. Diesmal war es wieder die Breslauer Polizei, die ausder Reihe tanzte: der dortige Zensor verbot diese verfassungsmäßigeGarantie der freien Meinungsäußerung in Preußen; er wollte offen-bar, so entschuldigte ihn die „Berliner Morgenzeitung" vom 12. Ok-tober 1900, „den Schauspieler nicht eine solche Unwahrheit aus-sprechen lassen!" — Verboten wurde der „Probekandidat" nur inCzernowitz in Ungarn; warum? blieb unaufgeklärt.

Genehmigt trotz des „heiklen Inhalts" wurde am 2. März 1901auch Dreyers Einakter „Volhsauf"klärung", und das war eine derletzten Taten des Regierungsrats Dumrath, dem es nun einmal nichtgelang, mit Strenge oder mit Milde, es allen recht zu machen. Damalsgingen die Wogen des Kampfes gegen die Theaterzensur hoch, dieAbwehr der „Lex Heinze" hatte die Gemüter zur Siedehitze ent-flammt, in den Parlamenten folgte eine Attacke auf die andere, derGoethebund rief zur allgemeinen Mobilmachung auf, die Entgleisun-gen der Berliner Zensurbehörde waren eine ständige Rubrik in derTagespresse, Dumrath rief seinen Minister v. Rheinbaben um Schutzgegen diese Folter an und stellte sein Amt zur Verfügung. Und nunwiderfuhr ihm in letzter Stunde noch das Malheur, daß Publikumund Presse über die grobschlächtige Schlußwendung der von ihmgenehmigten „Volksaufklärung" in helle Entrüstung gerieten. Dreyerbeleidigte, nach „Reichsanzeiger" vom 10. März 1901, „das ästhetischeGefühl eines großen Teils der Zuschauer", er setzte sich, laut „Kreuz-zeitung", über jedes Schamgefühl hinweg; „Reichsbote" und „Natio-nalzeitung" (Eugen Zabel) nannten das Stückchen eine Zote; auchin der „Vossischen" urteilte A. E. (Eloesser), der Dichter des„Probekandidaten" gehe beherzt auf die „sexuelle Zote" los, „aller-dings mehr mit angeborenem mecklenburgischen als nachgeahmtemPariser Esprit", und zur Beschämung Berlins wurde in München die„Volksaufklärung" glatt verboten. Auf die Beschwerde des DirektorsStolberg vom Münchener Schauspielhaus antwortete die bayrischeRegierung: „Der Einakter, an und für sich ein höchst unbedeutendesMachwerk, erörtert die Frage der Kindererzielung in der Ehe ohnejede tiefere sittliche Tendenz in einer Weise breit, die zur öffent-