Druckschrift 
4 (1896) Die Herefordkarte
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

Die Herefordkarte.

Ai

ille von uns in Heft 1—3 der Mappaemandi beschriebenen und wiedergegebenen Weltkartensind aus gebundenen Büchern entnommen. Es ist leicht einzusehen, dass die grösseren Weltkarten, welcheerweislich im Altertum wie im Mittelalter nicht selten waren, sich nicht in Büchern unterbringen Hessen,dass dieselben vielmehr entweder gerollt oder als Wandkarten aufbewahrt werden mussten. Im ersterenFalle waren sie einigermassen geschont, und nur der äusserstc Teil der Rolle (meist der Anfang) war derZerstörung stark ausgesetzt. In Rollenform ist aber nur ein einziges Kartenwerk von hohem Alter, diesogenannte Tabula Peutingeriana, auf uns gekommen, und wie zu erwarten, ist der Anfang zerstört; dieKopie hat bereits das stattliche Alter von ca. 800 Jahren erreicht. Von den Wandkarten alten Schlagessind nur 2 uns erhalten geblieben, nämlich eine in der Kathedrale von Hereford in England, und einezweite in dem Nonnenkloster zu Ebstorf. Die erstere ist heute noch in der Kathedrale zu Hereford,die zweite wird jetzt in der Bibliothek des Historischen Vereins für Niedersachsen zu Hannover aufbewahrt.Beide stammen aus der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts und haben eine über 600jährige Dauer hinter sich,was ohne pietätvolle Behandlung kaum denkbar wäre. Alle anderen in Bibliotheken, besonders in Italien,aufbewahrten alten Wandkarten, wie z. B. die berühmte Fra-Mauro-Karte in Venedig 1 ), sind sowohl bedeutendjünger, als auch von den Entdeckungen der beginnenden Neuzeit beeinflusst, d. h. Produkte ihrer Zeit.Die letzteren Karten sind natürlich besser erhalten, meist vollständig, ohne Schwierigkeit zu entziffern undzu deuten, und in allweg unserem Verständnis näher gerückt. Von den 2 alten Karten ist die Hereford-karte vollständig, die Ebstorfer Karte dagegen mehrfach verstümmelt und stärker verblasst, so dass mancheLegenden nicht mehr zu entziffern sind.

Der erste Eindruck, welchen beide Karten auf den Beschauer machen, ist die Erweckung von Mitleidmit dem geographischen Wissen ihrer Verfasser. Viele Einzelheiten sind geeignet, eine geradezu komischeWirkung auszuüben. Mancher wird sich von diesen Karten wieder abwenden mit dem Gedanken, solcheAlbernheiten seien eines weiteren Studiums nicht wert. Abgesehen davon, dass die Orientierung (Ostenoben) eine ungewohnte ist, so hält es für uns, die wir an das wirkliche und richtige Bild der Länder undMeere gewöhnt sind, schwer, bei einer Weltkarte die Grössenverhältnisse der Länder u. s. w. vollständigausser acht zu lassen, und docli ist dies die Grundbedingung für das Verständnis dieser Art von Karten.Es wäre sehr oberflächlich geurteilt, wenn man diese Karten ansehen wollte als Ausgeburt der wissen-schaftlichen Unwissenheit des Mittelalters, denn in der Hauptsache gehören sie gar nicht dem Mittelalteran, sondern ihr wesentlichster Inhalt stammt aus dem Altertum, und darauf beruht ihr Wert. Wie alle

') Die Karte des Fra Mauro, 1459 vollendet, misst 2,14 m in die Höhe, 1,94 m in die Breite.

Miller, Mappaemundi IV.