IÖI
Über den Totentanz, der sich in der 1870 zerstörten NeuenKirche zu Strassburg i. E. befand, wissen wir eigentlich nurdurch Edels Buch (No. 16). Er ist leider nur unvollständig bekanntgeworden; immerhin ist so viel zu ersehen, dass er weder die tra-ditionelle Anordnung und Auffassung der Basler Totentänze befolgte,noch sich durch neue Motive sonderlich auszeichnete. Gruppenweisestehen die Menschen in einem Säulengange, und hier und dortgreift ein Toter nach ihnen; der vorangestellte Prediger, aus demWackernagel die Anlehnung an Basel folgert, ist eine so häufigeDarstellung jener Zeit gewesen (H 1 , M 2 , die gedruckte Danse ma-cabre), dass ich darin keinen bestimmten Fingerzeig auf die gene-tischen Beziehungen des Strassburger Gemäldes zu erblicken vermag.Der Prediger des Basler Gemäldes entstand überdies erst 1 568, alsolange nach der Herstellung des Strassburger Bildes. Ausser derneuen Anordnung ist dort auch die Bildung der Toten völlig ab-weichend: magere Körper mit vollständigen, aber haarlosen Köpfen.Mag also auch die Kunde vom benachbarten „Tod von Basel" dieEntstehung dieses Gemäldes veranlasst haben, so ist es doch ganzselbständig erfunden, vielleicht von einem geschickten Maler, wieEdel meint, der aber gewiss von der eigentlichen Bedeutung desTotentanzes wenig wusste und keine Neigung hatte, das ihm gestellteThema gedankenreich auszugestalten. Man wird kaum irre gehen,wenn man den Strassburger Totentanz in die zweite Hälfte oder andas Ende des 15. Jahrhunderts verlegt.
RÜCKBLICKE.
Der Berner Totentanz beschliesst die Reihe der Vorbilder vonHolbeins Totentanz. In dieser Reihe hat sich uns in dem mannig-faltigen Wechsel verschiedenster Bilder der geschichtliche Zusammen-hang und aus diesem eine deutliche Entwickelung des Gegenstandesoffenbart, deren Erkenntnis allein das Meisterwerk des HoLBEiNschenTotentanzes unter dem richtigen Gesichtswinkel vor das Auge desBeschauers rückt.
Schon in zurückliegenden Jahrhunderten des Mittelalters mögenmonotone Lehrgedichte der französischen Geistlichkeit die Veranlassung
Goette, Holbeins Totentanz u. seine Vorbilder. II