von Dr. Max Pettenkoler. 109
zu folgern. Sie beweisen aber höchstens, dass schlechte Luftnicht geradezu für sich ein Gift ist, und um den Einflussderselben auf den Gesundheitszustand bei sonst gleich blei-benden Umständen richtig zu bemessen, muss man in demGefängnisse mit 10 Procent Sterblichkeit alle Einflüsse desUntergrundes, der örtlichen Lage und Bauart, der Ver-pflegung und Beschäftigung belassen und nur die Luft ver-bessern. Diess geschieht durch eine bedeutende Verminderungder Zahl der Gefangenen. Man hat Beispiele, dass solcheAnstalten, welche bei Anwesenheit von 1000 Gefangenenjährlich 100 durch den Tod verloren, bei Gegenwart von500 nur 25 verloren haben, was somit ein Sinken der Sterb-lichkeit von 10 auf 5 Procent in Folge der Entleerung er-kennen lässt. Man sieht, es sind an einigen OertlichkeitenSchädlichkeiten, Krankheitsursachen vorhanden, welche anandern Oertlichkeiten fehlen. Sind sie aber vorhanden, sowird ihre Wirkung auf den Organismus durch schlechte Luftin einem sehr auffallenden Grade gesteigert. Dieser Satzwird durch die Erfahrungen bei allen Epidemien gestützt,wenn man das Auftreten derselben unter sonst gleichen Ver-hältnissen in überfüllten Häusern, Pfründneranstalten, Ka-sernen u. s. w. mit dein Verlaufe in schwach bewohntenHäusern und Anstalten vergleicht. Wenn sich an einemOrte kein Typhus-, kein Choleragift, kein Sumpfgift bildet,so braucht der Organismus auch keinen Widerstand gegendieselben zu bethätigen, und wird es dann gleichgiltig seyn,ob dessen Widerstandsfähigkeit etwas grösser öder kleiner ist.Da wir aber vor dem Eindringen und der Entwickelung vonKrankheitsursachen keinen Augenblick sicher sind, so dürfenwir niemals und nirgends die Widerstandsfähigkeit des Or-ganismus vernachlässigen. Da dieselbe wesentlich mit derLuftbeschaffenheit zusammenhängt, so haben wir ein Rechtzu verlangen, dass dieselbe in allen Schlaf- und Wohnräumenstets gut und rein erhalten werde...