205und beteten. Um uns herum saßen die Franziskanerund einige Katholiken aus Tiberias. Nach verrichteterAndacht baten wir den Pater Präses um die Erlaubniß,ein Liedchen singen zu dürfen, was er gerne gestattete,und bald ertönte von uns der Gesang:Wir ſind im wahren Chriſtenthum,O Gott! wir danken Dir,Dein Wort, Dein Evangelium,An dieses glauben wir.Die Kirche, deren Haupt Du bist,Lehrt einig, heilig, wahrFür diese Wahrheit gibt der ChristSein Blut und Leben dar.Außer dem Pater Präses war kein Fremder an-wesend, der diese Worte verstand, aber die Thränen die-ser frommen Leute sprachen: „Es gibt nur Einen Glauben,es gibt nur Eine Kirche“.Sie hatten den Inhalt unseres Gesanges begriffen. Un-terdessen war der Abend gekommen, der Mond und un-zählige Sterne standen am schönen blauen Himmel, dawurden wir auf die Zinnen des Daches geführt undsahen die Stadt, den See, den Libanon, die Berge derBrodvermehrung und der Seligkeiten und den Taborbei wundervoller Mondschein=Beleuchtung. Welch einliebliches ruhiges Bild!.„O Gott! wie groß bist Du in Deiner Allmacht undwelche Liebe finde ich unter Deinem Kreuze!Meine stillen Betrachtungen wurden plötzlich unterbrochen,denn es ertönten Schalmeien, Flöten und Gesang. Inder Nähe sollte eine türkische Hochzeit gefeiert werden,was den Pater Präses veranlaßte, uns gleich aus derStadt und zu unsern Zelten zurückzuführen. Da esschon spät war, begaben wir uns gleich zur Ruhe.
Druckschrift
Blätter aus dem Tagebuche eines Pilgers nach Jerusalem vom Jahre 1864
Seite
205
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