DIE KUNST UNSERER ZEIT
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Gulbransson strebt in diesen Zeichnungen, wie etwa Phil. May, die Reduktion auf die denkbareinfachste Form an; wenn ein Mensch z. B. kleine, tiefgebettete oder nichtssagende Augen hat, solässt er sie als überflüssig ganz weg. Er ist vielleicht am meisten Schalk von allen Simplicissimus-leuten, ein Schalk, der sich verständnisreich und vielseitig nach allem Lächerlichen umsieht, dasder Tag mit sich bringt. So ist Gulbransson auch wenig durch eine Spezialität gebunden — erzeichnet und verulkt alles und zwar in einem sehr geschmack- und effektvollen Schwarzweiss-Stil,der zugleich hervorragend persönlich ist. Einer der populärsten des Kreises ist Ferdinand vonReznicek, der Maler der weiblichen Eleganz und mehr oder minder freien Liebe, der süssenMädeln, des Tanzes, der Redouten, des modischen Schicks, der Champagnersoupers, der weiblichenToilette- und Schlafzimmer, der leichtsinnigen Frauen und gehörnten Ehemänner. Tugend undMoral sind bei ihm nicht zu holen, aber die anmutige Sünde kennt er durch und durch und istihr klassischer künstlerischer Interpret. Die Flottheit wie die Sicherheit seiner Zeichnung sindgleich bemerkenswert, und trefflich weiss er wiederzugeben, was an der Bewegung des Frauen-körpers pikant und zierlich ist. Thöny ist ihm vielleicht an Mannigfaltigkeit der Typen überlegen,denn er ist der ernstere Arbeiter und fleissigere Schauer von beiden. In Thönys Halbweltdamensteckt mehr Kulturgeschichte als in denen von Reznicek, in denen Rezniceks mehr fröhlicherLeichtsinn. Er ist immer in Champagnerstimmung beim Zeichnen — was kann er dafür, dassdie fleurs du mal so hübsch blühen?! Mag ein anderer sich darüber grämen — seine Art ist esnicht! In der Gesamtheit der Simplicissimuskunst bildet die hell und fröhlich klingende Note,die Reznicek hereinbringt, ein Element von wohlberechneter Wichtigkeit. Nach so viel herber,kritischer Verneinung eine übermütige Lebensbejahung! Das Weiche, Lyrische vertritt WilhelmSchulz. Wenn er auch auf allen anderen Gebieten tätig ist, z. B. mit Erfolg in der politischenKarikatur, sein eigenstes Feld ist die auf den Ton alter Volkslieder gestimmte Romantik. DasLied vom Scheiden und Leiden, vom fahrenden Volk, vom Soldaten auf stiller Wacht, von denKönigstöchtern und dem Spielmann — das sind seine Themen. Mit weichem, malerischem Strich,dem dämmerige Abendstimmungen besonders schön gelingen, zeichnet er seine Szenen, leicht,frei und kraftvoll, und sehr oft ist in den Bildern viel echterer lyrischer Gehalt als in den Verslein,die darunter stehen und die Schulz meist selber dichtet. - - Als der Vertreter des spezifischenMünchenertums im „Simplicissimus" muss noch J. B. Engl genannt werden. Seine Arbeiten sindzeichnerisch sehr einfach und machen keine hohen künstlerischen Ansprüche. Aber seine Typensind, so grob und unerfreulich er den Isarathener anzufassen liebt, wahr, bodenständig. Der stetsdurstige Spiesser, der engherzige und flegelhafte Hausherr, dem das Elend der armen Teufel imHinterhaus so überaus „wurscht" ist, er wird von J. B. Engl Woche für Woche unerbittlichgetroffen, und der Künstler ist unermüdlich im Erfinden immer neuer Varianten dieses Themas.Gelegentliche Mitarbeiter kommen im „Simplicissimus"' erst neuerdings öfter zu Wort. Denkünstlerischen Hauptbedarf bestreitet der „Stamm" von Zeichnern. Hin und wieder ist hier — wiein der „Jugend" — Ignatius Taschner vertreten, ein ebenso ansprechender als kraft- und charakter-voller Künstler, Graphiker, Maler und Bildhauer, der unser heimisches Landvolk und wohl auch
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