DIE KUNST UNSERER ZEIT
erlaubt, das Flüchtigste, wenn es nur in geschickterWeise eine Essenz gab, willkommen sein. Als sichdie „Jugend" mit diesem Programm auftat, warder Zustrom junger Kräfte ein ungeheurer, dasAngebot ging weit über den Bedarf hinaus. Zu-nächst hat sich damals (1896) unter den jungenKünstlern eine Stilisierwut breitgemacht, die ebenvon den dekorativen Künsten her in der Luft lag.Neben den trefflichen und bahnbrechenden Vor-kämpfern auf diesem Gebiete, den Otto Eckmann,Julius Diez, Fritz Erler, Paul Bauer, Robert Engelsusw., gab es eine Fülle Unberufener, die nachdem bekannten Rezepte arbeiteten: „Wenn manetwas nicht kann, macht man einen Stil daraus!"So wurde am Anfang der Bewegung die realistischeZeichenkunst, die heute doch wohl wieder denKern des Schwarzweiss bildet, über einer stili-sierenden Romantik, die freilich reizvoll und neuwar, etwas vernachlässigt. Erst nach und nachklärte und teilte sich die Flut der Produktion und
die einzelnen Kräfte wurden in ihr richtiges Fahrwasser gebracht. Aber es war auch eine Zeit
voll Kraft und Bewegung, und wer, wie Schreiber dieser Zeilen, diese Epoche stürmischen Ringens
nach individuellem Ausdruck, nach neuen Wegen und Mitteln, überquellend fruchtbaren Willens
zu neuer Kunst mitgemacht hat, wird nie ohne Bewegung an sie denken können. Wäre es
möglich gewesen, allen diesen Kräften die Absatzgebiete zu erschliessen, die sie zu einer gesunden
Entfaltung brauchten, wie manche schöne Blüte moderner Kunst hätten wir noch gesehen. Die
Mehrzahl der jungen Künstler wäre mit fliegenden
Fahnen von der immer aussichtsloser werdenden
Staffeleimalerei zur Illustration übergegangen.
Aber zwei Zeitschriften vermochten natürlich die
ganze Überfülle der entfesselten Produktion nicht
aufzunehmen und die anderen Gelegenheiten zu
freier Entwicklung waren doch nicht reichlich
und nicht lohnend genug für so viele. Da ist
manches illustrative Talent, das vielversprechend
begonnen hatte, wieder eingeschlafen oder hat sich
anderen „Spezialitäten" zugewandt. Die „Jugend"
Hermann Vogel. Aus „Rudolph, Kindennärchen"Wie der „SimplicissimUS" erfreuen Sich Seit Jahren (Verlag von Braun « Schneider in München)
Hermann Vogel. Aus „Rudolph, Kindermärchen"(Verlag von Braun & Schneider in München)