Klollte ein moderner Dante ein neues Inferno fcbildern, fo brauchte er feinePbantape nicht in gleich, quälender ttleife zu zermartern wie der Italienerdes Mittelalters. In unferer beutigen Gefellfchaft gibt es Fjöllen genug, dieallen Bedürfniffen des italienifchen Dichters nach Marter und Qual genügenwürden, und unter ihnen ift pcberlicb die Mietskaferne eine der graufamftenfür das Kind, den Menfcben in der Fülle feiner Kraft, den müden Greis.Mit geradezu boshafter Raffiniertheit werden alle die natürlichen, feinerenAnlagen des menfeblichen Charakters vernichtet, wird jede Selbftändigkeitund Originalität des einzelnen zerrieben, jede Möglichkeit der Sammlung,des Für-pcb-feins zerftört. und je ärmer die Klaffe, die in den Mietskafernenhäuft, defto mehr verfebärfen pch alle die Schäden, mit denen fie diekörperliche, geiftige und pttlicbe Kraft ihrer Bewohner zermalmen. LÜorinunterfebeidet pd) fcbließlid) noch eine Mietskaferne, wie der berüchtigte, inder Literatur öfters gefcbilderte „Bienenftock" in Ulien, von einem 3ucbtbaufe?Cüie fpielt fich das Leben eines Arbeiters in der Stadt ab? Er wirdin der Mietskaferne in einer Ein- oder 3 w eizimmerwobnung geboren. Inden engften Raumverbältniffen verbringt er die erften Jahre feines Lebens,in denen gerade das Raumbedürfnis am ftärkften ift und der Spiel- undBewegungstrieb des Kindes unbefebränkte Freiheit verlangt. Klo findet dasKind in der Mietskaferne diefen Raum und diefe Freiheit? tUenn es gutgeht, auf der Straße oder auf einem engen, licbtlofen, von hohen ttländenumgebenen Fjofe. Den näcbften flbfebnitt feines Lebens nimmt die Schulein Befchlag. In der modernen Scbulkaferne, wo Caufende von Kindernzufammengepfercht werden, umfebnürt ihn die Disziplin der Schule aufSchritt und tritt, im Unterricht, draußen auf dem Schulhofe, auf demNacbhaufewege, ja, fogar auf den Scbulfpaziergängen, diefem fchwäcblicbenSurrogat, das die Großftadt ihren Kindern als Erfal} für das köftlicbe, ziel-und planlofe Schweifen der Dorfjugend zu bieten hat. Von der Schule indie Fabrikkaferne mit dem 3 w ifd)enfpiel des Militärdienftes in der Kafernepar excellence, und fo bis an ihr Lebensende! Kein GUunder, daß in demMaße, wie die wirtschaftliche und politifche Kraft der Ärbeiterklaffe wäcbft,und mit ihr auch die Erkenntnis von der Bedeutung der Perfönlicrjkeit, derftarke Drang in ihr entftebt, wenigftens einen Ceil ihres Lebens außerhalbder Kaferne zuzubringen, wenigftens in der lüobnung einrfial das Gefühldes fein-eigener-Fjerr-feins, das Gefühl des Selbftändigkeit und Unabhängig-keit zu bepljen. Nicht nur die bewußte Einpcht in die bygienifebenSchädlichkeiten der Mietskaferne, fondern ftarke, in großem Umfange nochnicht voll bewußt gewordene Motive auf dem Gebiete der pttlicben Charakter-bildung treiben die Elite unferer Ärbeiterfcbaft aus den Mietskafernen hinausund machen pe zu begeifterten Anhängern des Kleinhaufes und derKleinbauspedelung. Der moderne Großbetrieb, der den Arbeiter aus einemfelbpändigen Produzenten zu einem Änfjängfel der Mafcbine degradierte, hatfür die 3eit der Arbeit die felbftändige menfcblicbe Exipenz des Arbeitersfo gut wie ausgelöfcbt. Diefe übermächtige Entwicklung der Cecbnik undttlirtfcbaft hat die Ärbeiterfcbaft Jahrzehnte lang widerftandslos mit pdbgeriffen. Erft nach und nach erwacht pe zu dem Bedürfnis, wieder Menfd)zu fein und einen Boden zu finden, auf dem pe es fein kann und darf.Da die Erwerbsarbeit dem Arbeiter diefe aber nicht geftattet, fo muß derPunkt, nad) dem der Rep feines Lebens gravitieren kann, außerhalbihr gefuebt werden. Das Baus allein kann diefen Boden febaffen, aufdem pch das außererwerblicbe, das eigentliche menfcblicbe Leben desArbeiters unter gefünderen Bedingungen abfpielt. Soll aber das Baus einGegengewicht bilden gegen die Fabrik und den Kafernierungszwang des
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