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Wilhelmshöhe bei Cassel
13. KAP.
Gemüsegarten entspricht. Die einzige Unregelmäßigkeit des Gartens ist die Anlagedes reizvollen Theaters östlich von den großen Parterres. Es liegt auf einer künst-lichen Terrasse, wodurch die sonst völlig einförmige Ebene belebt wird. Der hintere Teilwird von der Bühne eingenommen, von der nach dem Garten Rampentreppen um einenschönen Brunnen an der Stützmauer führen. Die Kulissen sind trapezförmig, nach hin-ten zusammengehend, als kleine, grüne Ankleidekabinetts geschnitten, davor stehen Sta-tuen (Abb. 452). Die Bühne ist vom amphitheatralischen Zuschauerraum durch einentiefen, auf gleicher Ebene mit dem Garten liegenden, breiten Gang getrennt, zu demTreppen von der Bühne herabführen; dieser wird als eine Art Orchestra das Bühnen-bild bei Aufführungen sehr belebt haben. Der Garten ist im Jahre 1700 schon ganz voll-endet gewesen, dies Theater aber so in den Garten hineinkomponiert, daß man wohlannehmen darf, daß es gleich in den Grundplan aufgenommen ist; es gehörte also zueiner der ersten dieser Anlagen. Ein eigentlicher Park fehlt dem Garten von Herren-hausen; das bedingte auch die Behandlung des Kanals, der den ganzen Garten um-rahmt. Hierin könnte sich auch holländischer Einfluß geltend machen, da holländischeGärtner später dort gearbeitet haben.
Dieser erste Versuch einer Nachahmung des französischen Gartenstils war noch zu sche-matisch, zu akademisch ausgefallen. Glücklicherweise waren die künstlerischen Interessender deutschen Fürsten damals so vielseitig, ihre Bauleidenschaft so groß und reich, daß dieGefahr einer Erstarrung des Stiles nicht vorhanden war. Noch war auch im Norden Frank-reich nicht zur Alleinherrschaft gelangt. Gleich in dem nahen Cassel war, um dieselbeZeit als der Herrenhausener Bau seiner Vollendung zuschritt, der junge Landgraf Karl miteinem Projekt von seiner italienischen Reise zurückgekehrt, das, obwohl nur teilweiseausgeführt, das heutige Geschlecht mit Verwunderung und Staunen über das mächtigeWollen, das sich darin ausspricht, erfüllt: es ist die Anlage der Wilhelmshöhe auf dem Wei-ßenstein bei Cassel 14 . Karl berief gleich nach seiner Rückkehr einen römischen Künstler,Guernieri, als seinen Baumeister. Dieser wurde der Schöpfer der großen, den Park beherr-schenden Kaskadenanlage. Der französische Einfluß ist hier völlig ausgeschieden, alles,was das Vorbild von Versailles und die französischen Theoretiker mit sicheren Linien alsihren Stil festgelegt hatten, ist hier in den Wind geschlagen. Der Landgraf war so ganzerfüllt von den italienischen Eindrücken, daß er den Römer vollkommen nach seinen hei-mischen Traditionen schalten ließ. Hier zum ersten Male wurde auf nordischem Boden einWerk geschaffen, in dem die gemauerte Architektur im Verein mit dem Wasser die un-bedingte Herrschaft behielt. Und wäre der Plan Guernieris ganz zur Ausführung gekom-men, so wäre hier ein Werk entstanden, dessen gewaltige Größe und imponierende Geschlos-senheit in Europa wohl nicht viel seinesgleichen gehabt hätte (Abb. 453). Schon KarlsVorfahren hatten an der Stelle, wo heute auf einem Hügel das erst am Ende des XVIII.Jahrhunderts erbaute Schloß Wilhelmshöhe liegt, ein Jagdschlößchen gehabt, über demder steile Habichtsberg emporstieg. Dieser ganze mächtige Waldberg sollte nach Land-graf Karls und Guernieris Plan in eine ungeheuere Terrassenanlage umgewandelt werden,deren alles beherrschende Hauptachse eine riesige Kaskadenanlage bildete. Nur deroberste Teil des ganzen Werkes, das der Italiener, wie einst Salomon de Caus den Heidel-berger Schloßgarten, in einem großen Kupferwerke im Jahre 1706 verbildlichte 16 , ist zurAusführung gekommen (Abb. 454). Man begann mit der Spitze, dem Bau eines Lust-hauses, das zugleich als großes Reservoir und Brunnenhaus diente. Es ist ein drei-