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Lafontaine: Der Traum von Vaux
12. KAP.
er verstand selbst das, was er die anderen machen ließ. Man erzählt, daß, als er aus demSitzungssaal seines Prozesses über einen Hof geführt wurde, er Arbeiter bei einemBrunnen beschäftigt fand; anhaltend, trat er zu ihnen, und sein Unglück vergessend,gab er ihnen Ratschläge, wie sie das besser anfangen müßten, „denn von solchenDingen habe ich einiges Verständnis". Die zarte Rücksicht, die er stets für seineUmgebung hatte, zeigte sich bis in Kleinigkeiten. Corneille, der auf Fouquets Ver-anlassung seinen „Oedipus" schrieb, erzählt in der Vorrede, daß dieser seine Biblio-thek sowohl in seinem Stadthause als auf dem Lande — damals bewohnte er seinprächtiges Schloß St. Mande — als Wartezimmer geöffnet hätte. Kaum hatte sichdaher die Nachricht seines Sturzes verbreitet, als eine allgemeine Wehklage losbrach.Pelisson, den man in die Bastille geworfen, schrieb von dort aus Pamphlet um Pam-phlet gegen Colbert. Loret, ein Journalist, der in seinem Blatte in Poesie und Prosadas Leben und die Feste Fouquets verherrlicht hatte, brachte einen so heftigenArtikel gegen Colbert, daß ihm seine Pension entzogen wurde. Kaum hörte Fouquetdavon in seinem Gefängnis, als er Mademoiselle de Scudery schrieb, dem Treuen eineEntschädigungssumme zu senden. Lafontaine, der glückliche Jahre in der Umgebungdes Fouquetschen Künstlerkreises verlebt hatte, verfaßte eine rührende Elegie an denKönig, um seine Güte anzuflehen. „Erfüllet mit Klagen die Luft in eurer tiefen Grotte,Weint Nymphen von Vaux." Lafontaine hatte schon in Fouquets Glückstagen einWerkchen begonnen, in dem er die Schönheit von Vaux in allegorischen Bildern be-singen wollte, das blieb nun ein Bruchstück, doch als er dann 10 Jahre später diesesBruchstück unter dem Titel „Der Traum von Vaux" herausgab, da beklagt er nocheinmal in melodischen Eingangsversen das Schicksal des Unglücklichen, „der seinemKönig mißfiel und dem die Freunde fehlten, doch trotz des Sturzes weih' ich ihm dieTränen". Ihm zu Ehren läßt er vier Feen erscheinen, die Architektur, die Malerei,die Gartenkunst und die Dichtkunst, sie treten vor den Richterstuhl, dem Fouquetvorsitzt, um für ihren Vorrang zu plädieren. Nach der Architektur und Malerei, diehochmütig und siegesgewiß auftreten, erscheint die Gartenkunst, so schön, still undlieblich, daß schon durch die Anmut ihres Schweigens die Richter bestochen waren; alssie dann aber so einfach und schön von ihren Reizen spricht, da sind alle Herzen ihrzugeneigt, und hätte nicht die Malerei ein Bild von ihr im Winter vorgezeigt, das sietraurig anerkennen muß, der Siegespreis, den nun die Dichtkunst davonträgt, wäre ihrzuerkannt worden. So hoch in der Schätzung stand damals die Gartenkunst in der Reiheihrer Schwestern, die alle in ihren besten Vertretern sich um Fouquet versammelt hatten.Man nannte ihn ,,le cceur le plus magnifique du royaume", sagt Sainte-Beuve in seinemEssay, „das aber hieß Ludwig XIV. an seiner empfindlichsten Stelle beleidigen undTrotz bieten" 6 . Und doch — vielleicht war dies der größte Triumph, den der Gefangenehinter seinen Kerkermauern erlebte — konnte Ludwig nichts Besseres machen, denn alstreuer Schüler seines gehaßten Feindes den Kreis der Künstler, die dieser um sich ge-sammelt, die er erzogen und mit seinem Geiste erfüllt hatte, so daß sie nie Sehnsucht undBedauern ganz überwanden, in seine eigenen Dienste zu übernehmen. Als nun in desKönigs Geiste der Plan reifte, in Versailles ein alles überstrahlendes Königshaus zuerbauen, da nahm er Le Vau zu seinem Architekten, Le Brun zu seinem Maler, Le Nötrezu seinem Gartenkünstler, und Lafontaine und Moliere halfen Ruhm und Feste diesesSchlosses erhöhen.