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Vaux-le-Vicomte
12. KAP.
aus reiches Kaskadenwerk angebracht, ein lebhaft bewegtes Gegenbild zu dem leuchten-den ruhigen Bande des Kanals. Diese Kaskaden aber sind nicht nur ein Schmuckder tiefsten, zwischen zwei Erhöhungen eingesenkten Terrasse, sondern beleben denBlick von der Höhe des großen Herkules, der den Garten in umgekehrtem Bilde mitdem Schlosse als point de vue zeigt (Abb. 395).
Zwei große Strömungen, die auf allen Gebieten den Geist dieser Zeit beherrsc hten,wußte Le Nötre von Anbeginn in seine Gärten einzuführen und miteinander zu ver-binden. Die eine repräsentierte den Geist der Disziplin, der festen, klar übersichtlichenRegel, der Proportion; diese Strömung fand in der Literatur in Boileaus Wirksamkeit, inder Politik in dem immer wachsenden monarchischen Empfinden, in der Geselligkeit inder bis zum äußersten Raffinement ausgebildeten Etikette ihren Ausdruck. Demgegen-über aber steht das ungestüme und immer wachsende Verlangen nach „variete", nachAbwechslung. Diese Gesellschaft, die sich freiwillig und mit dem vollen Bewußtsein,den Ausdruck ihrer höchsten Kultur in diesem Geist der Disziplin zu finden, der festenForm und Regelung des Lebens unterwarf, hätte vor der Zeit alt werden, vor Lange-weile sterben müssen, wenn nicht eine für uns oft verblüffende Sucht nach immer neuerAbwechslung sie fortwährend in Atem und Aufregung gehalten hätte. Vaux-le-Vicomteist der erste Versuch, diese beiden Forderungen zu verbinden. Die streng axiale An-ordnung kennt der französische Garten schon von den Tagen Du Cerceaus her, aber dieTerrassen gaben damals, jede für sich, doch immer das gleiche oder ähnliche Bild, dieParterres sahen wieder einander ganz gleich, die Symmetrie verstand sich in der glei-chen Wiederholung der Linien. Als dann im XVII. Jahrhundert der italienische Ein-fluß sich in einer neuen Strömung geltend machte, da wurde man wieder der neuenVielseitigkeit nicht recht Herr. Die Kaskaden von St. Cloud und Ruel liegen beiseitein selbständiger, das Haus nicht berücksichtigender Achse, die vielgerühmte varietevon Ruel wirkt im ganzen unruhig und zerstreut. Le Nötre aber begriff, daß es vorallem darauf ankam,.einen prächtigen, von dem Hause ganz überschaubaren Repräsen-tationsgarten zu schaffen, der, so abwechslungsreich sich auch die Achse in Parterreund Wasser gestalten mochte, vor allem Übersichtlichkeit verlangte, denn dieserGarten war bestimmt, königlichen Festen mit Entfaltung herrlicher Kostüme, Auf-zügen, Feuerwerken als Schauplatz zu dienen: alles und alle mußten gesehen werden.Zur" Entfaltung dieses Bildes brauchte man aber einen Rahmen, und diesen gabendie Bosketts, die sich, jedes für sich, zu einem intimen Garten ausgestalten sollten,"Tu" denen mehr und mehr die reichste Abwechslung zur unbedingten Forderungwurde.
""Überraschende, für Frankreich noch unerhörte Feste hatte Fouquet bei der Erbau-ung dieses Gartens vor allem im Sinn. Er konnte es kaum erwarten, bis alles so weitfertig war, daß er im Sommer 1661 sein erstes großes Fest zu Ehren der jungen, allge-mein verehrten Henriette, Gemahlin des Herzogs von Orleans, des Bruders des Königs,geben konnte. Moliere, der damals der Truppe Monsieurs als Schauspieler und Dichterangehörte, führte bei diesem Fest zuerst sein Stück „L'ecole des maris" auf. Fouquetschien von allen Gaben des Glückes damals überhäuft, im Jahre 1659 war er alleinigerGeneralintendant geworden. Seine Partei schien ungeheuer groß. Zwar waren vor einigenMonaten die ersten Sturmwolken aufgestiegen, am 9. März war Mazarin gestorben.In den Beratungen unter vier Augen am Sterbebette seines Ministers scheint Lud-