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2 (1914) Von der Renaissance in Frankreich bis zur Gegenwart
Entstehung
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Gaillon

9. KAP.

und zwei Schalen aus weißem Marmor, deren Trümmer noch heute im Schlosse liegen.Das Prachtstück des Gartens war die kleine Kapelle (Abb. 314), ein Lieblingsbau Annasvon Bretagne, wo auch der König gerne seine Andacht verrichtete; er ist das einzige, wasaus den Gärten noch heute sich erhalten hat. Die oberste Terrasse, der Garten des Kö-nigs genannt, ursprünglich ganz als Obstgarten angelegt, erhielt erst unter Heinrich II.ihren schönen Pergolaschmuck. Dies war auch die Zeit der höchsten Blüte, wo dieFrüchte der Gärten täglich auf der königlichen Tafel prangten, wo Blois sich der schön-sten Maulbeerbäume rühmte 15 . Dann kam die Zeit, wo dies Schloß samt den andern ander Loire um der in der Nähe von Paris gelegenen Paläste willen mehr und mehr verlassenwurde, nachdem Paris, der Mittelpunkt der Politik, den Hof und Adel immer mehr ansich zog. Heinrich IV. hat den Gärten des uralten Königsschlosses noch Pflege undInteresse zugewandt. Einmal noch leuchtete ihnen die Sonne des königlichen Besuches,als glanzvolle Feste im Jahr 1668 zu Ehren der Anwesenheit Ludwigs XIV. gefeiertwurden das war der Abschied: die schönen Gärten verfielen von nun ab. Gastond'Orleans zwar beabsichtigte, ihren altmodischen Reiz durch prächtige Anlagen imneuen glänzenden Stil zu ersetzen, er hat aber durch seinen imposanten, aber lang-weiligen Neubau nur viel von der Schönheit des alten Schlosses zerstört. Nach seinemTode versanken die Gärten schnell in Trümmer, heute stehen nur noch die Stützmauern,soweit nicht neue Straßenzüge auch diese zerschnitten haben 16 .

Zu gleicher Zeit als Ludwig XII. seine Gärten in Blois anlegte, erbaute sich seinMinister, der Kardinal Amboise, in der Nähe seines Bischofsitzes Rouen sein Schloß Gail-lon, im Wetteifer mit seinem Herrn 17 (Abb. 315). Das mittelalterliche Schloß, das hiergestanden, war von denEngländern geschleift worden. Der Kardinal hatte, wie Du Cerceaubemerkt, den Neubau aufgeführtsanstenir de l'antique" 18 . Trotzdem ist der Grundrißganz unregelmäßig und von einem mehrfach überbrückten Wallgraben umgeben. DieHauptgebäude, mit Eck- und Tortürmen, umschließen einen nahezu quadratischen Hof,der einen herrlichen Brunnen barg, ein Geschenk der Republik Venedig an den erstenfranzösischen Kardinalminister (Abb. 316). Als ein Huldigungszeichen an seine Macht wardieses Geschenk zu Meer hierhergelangt,stupendo fönte marmoreo ex Venetorum muiiereillustrato", heißt die Inschrift; auf dem Sockel ließ der Kardinal sein und seines könig-lichen Herrn Wappen anbringen. Die prächtige dreischalige Fontäne, die nur im DuCerceauschen Stich erhalten ist, war mit acht Löwenköpfen und acht Masken verziert,reiche Figurengruppen umgaben den Schaft, der mit einer Statue des Täufers gekröntwar. Sie war das Werk einer Genuesischen Bildhauergenossenschaft, an deren SpitzeAgostino Solari stand, die damals außer aus Italien auch aus Spanien und Frankreichmannigfache Aufträge erhielt 19 . Der Brunnen ist später in den erzbischöflichen Gartenversetzt und erst im XVIII. Jahrhundert zerstört worden. Wenn man den Reichtumund die wundervolle Frische der Ausführung eines solchen Werkes betrachtet, so erschei-nen die dichterischen Brunnenschilderungen vom griechischen Altertum bis zum mittel-alterlichen Okzident nicht mehr nur als eine Erfindung schrankenloser Phantasie.

Auch die Gärten von Gaillon liegen ohne Zusammenhang mit den Gebäuden. Durcheinen großen Hof gelangt man zu dem Hauptgarten, der ähnlich wie in Blois die mittlereTerrasse bildet. Durch einen Tor türm in einem Galeriegebäude, das den Garten nachzwei Seiten umgibt, tritt man in dies Parterre; darüber erhebt sich auf einer höherenTerrasse ein Baumgarten, dessen dichtes Laubwerk einen wirkungsvollen Abschluß und