Pratolino
7. KAP.
die Reinheit des Stiles so erhalten wie hier. Gerade die Familien, die bei gleichbleibendemWohlstand ihre Stammvilla von Generation zu Generation weitererbten, haben ihreGärten wieder und wieder nach dem Modegeschmack der Zeit umgewandelt, und esheißt schon aufmerksam suchen, um hier und dort in solchen Gärten noch Motive derfrühesten Anlage zu finden. Die Gegend um Lucca mit der Fülle ihrer Villen, derengrößte Schönheit der Blick auf die paradiesische Landschaft bildet, bietet dem Wanderereine reiche Ausbeute reizender kleiner Wasseranlagen des Cinquecento, die sich umihrer architektonischen Schönheit willen erhalten haben, während der ursprünglichePlan der Anlage unwiederbringlich verloren ist, da kein Stich ihr altes Bild aufbewahrthat, die Reisenden aber, von der Schönheit der Mediceervillen, die Toskana so ganz be-herrschten, geblendet, an diesen kleinen Perlen achtlos vorübergingen 117 .
Eine dieser Villen, die eine Zierde des florentinischen Fürstenhauses war und bisins späte XVIII. Jahrhundert das laute Entzücken aller Reisenden hervorrief, ist erstim XIX. Jahrhundert von Grund aus zerstört worden: Pratolino liegt auf dem Wegevon Florenz nach Prato. Von keiner der vielbesuchten Villen, die römischen Stadtvillenmit einbegriffen, hat sich eine solche Fülle von Schilderungen erhalten 118 , wie von Pra-tolino (Abb. 213). Francesco Medici, der Sohn Cosimos L, ließ sich diesen Landsitz vonBuontalenti erbauen, in welchem er, um Montaignes Ausdruck zu gebrauchen „emploietous ces cinq sens de nature pour l'embellir". Es wird erzählt, daß der Fürst, der die Ein-samkeit sehr liebte, hier der schönen Bianca Capelli ein Paradies, „gemacht für alleSommerfreuden" (Evelyn), schaffen wollte. Er hatte die Geliebte damals nach manchenAbenteuern gewonnen und nicht lange darauf zu seiner Gemahlin gemacht. Als Mon-taigne die Villa 1580 sah, waren erst 12 Jahre seit ihrer Gründung verflossen, und schonsah er sie in ihrer Vollendung 119 . Halb bewundernd, halb mißbilligend, bemerkt er,der Fürst habe sich absichtlich eine so unbequeme Lage erwählt, so unfruchtbar undbergig, dürr und quellenlos, nur um die Ehre zu haben, das Wasser fünf Miglien weithergeleitet und Kalk und Sand noch fünf weitere Meilen herbeigeschafft zu haben. Mon-taigne behauptet, daß die Villa im Wetteifer mit Tivoli geschaffen sei, er vergleicht bei-der Schönheit und gibt Pratolino den Vorzug um des hellen lebendigen Quells wegen,wie er deshalb auch schon Villa Lante gerühmt hatte, während das gelbe Wasser desTeverone ihm den vollen Genuß der Villa d'Este verdirbt. Es spricht wohl auch hieraus Montaigne noch ein Zug der Frührenaissance, der das Gewaltsame, Wilde, das dieWasser von Tivoli auszeichnet, nicht recht behagen will.
Francesco Medici mag wohl der Wunsch beseelt haben, etwas ebenso Schönes hier zuschaffen wie das berühmte Besitztum des Statthalters von Tivoli, doch war die Aufgabe,die er dem Künstler stellte, eine ganz verschiedene. Das Terrain steigt unaufhaltsam,aber nicht sehr steil an. Einen Terrassenbau im Sinne von Villa d'Este hätte man alsogar nicht vornehmen können. Doch macht der Florentiner Villenbau von dieser Er-rungenschaft der römischen Kunst überhaupt sparsamen Gebrauch, er liebt weit mehrdie langen, ansteigenden Alleen; so ist auch hier die Terrasse und ihre Betonung derQuerachse fast ganz unterdrückt. Daß hierin ein gewisser Mangel sowohl für das Augewie für den Fuß liegt, bemerkt schon Montaigne, wenn er findet, „daß in dem Gartengar nichts Ebenes ist". Das Haus lag auf halber Höhe und hatte, ähnlich wie Poggio aCa-jano, ringsum einen breiten, balustradenumsäumten Altan (17), die runden Toskaner Trep-pen führen von hier herab in das Prato (15), das von beiden Seiten das Haus wie in Castello