Druckschrift 
1 (1914) Von Ägypten bis zur Renaissance in Italien, Spanien und Portugal
Entstehung
Seite
164
Einzelbild herunterladen
 

MMH

164

Generalife

5. KAP.

breite Treppe, die zu einer kleinen Terrasse aufsteigt, und von letzterer kommt auseinem Felsen die ganze Wassermasse, welche sich durch den Palast verteilt. Dort wirddas Wasser mit vielen Schrauben verschlossen, so daß man es zu jeder Zeit auf jede Artund in jeder beliebigen Menge herausströmen lassen kann. Nun ist die Treppe so gebaut,daß auf einige Stufen immer wieder eine breitere folgt, welche in ihrer Mitte eine Ver-tiefung hat, in der sich das Wasser ansammeln kann. Auch die Steine der Geländer zubeiden Seiten der Treppe haben oben Höhlungen wie Rinnen. Auf der Höhe aber sindfür jede dieser Abteilungen Schrauben, so daß man nach Belieben das Wasser in dieRinnen der Geländer, in die Höhlungen der breiteren Stufen oder in beide zugleichleiten kann. Auch kann man das Wasser nach Belieben so anschwellen lassen, daß esaus den Leitungen austritt und alle Stufen überschwemmt, indem es jeden, der sichdort befindet, naß macht; so gibt es noch tausend Scherze, die mit ihm angestellt werdenkönnen".

Trotz allen Verfalles, aller Restaurationen und Zubauten kann man sich auch heute mitHilfe dieser Schilderung gut die alte Wirkung zurückzaubern. Noch zeigt der Haupthofseinen langen, die ganze Mitte durchschneidenden Kanal und wenn die Myrten auchnicht so hoch und gut gehalten sind, so bilden sie doch zu beiden Seiten die alte Bepflan-zung, und von der Loggia an der Südseite schauen wir auf den kühlen Hof herab, aus demman von der Nordseite durch ein doppeltes Säulentor dem anmutigsten, was von dermalerisch empfindenden arabischen Architektur an Durchblicken erhalten ist in denHauptgartensaal gelangt. Auf der anderen Seite liegt der efeubewachsene Aussichts-hof auf den Felsen nach dem Darrotal. Solche Aussichtsbalkons liegen auch nach Westenhin, während man östlich aus dem Kanalhof durch spätere Bauten des XVI. Jahr-hunderts in einen köstlichen kleinen Hof gelangt, der ein wahres Wasserparterre bildet,zwischen dem Blumenbeete gepflanzt sind. An der Seite ragen als Rahmen dieses lieb-lichen Bildes uralte Zypressen empor (Abb. 111). Ob eine dieser, die Zypresse der Sul-tanin genannt, wirklich sechshundert Jahre alt sein kann, muß dahingestellt wer-den. Die vielen kleinen Strahlen, die hier noch mehr als in dem Kanalgarten überall anden Teichrändern und Wegen aufschießen, lassen vermuten, daß dies Navageros Vexier-wasserhof ist (Abb. 112 u. 113). Durch die Ostmauern dieses Hofes führt ein Portal, dasspäterer Zeit angehört, in den östlich zur Höheansteigenden Terrassengarten,und zwar un-mittelbar zu der von Navagero geschilderten Wassertreppe, die heute zu dem Belvedere,das im XIX. Jahrhundert erbaut wurde, emporsteigt. Die eigentlichen Terrassen liegenseitlich der Treppe und sind wohl immer mit Hecken und Blumenbeeten bepflanztgewesen. Das Neue in dieser Anlage ist die Wassertreppe, die wir in arabischen Gärtennoch nicht angetroffen haben. Da der römische Garten sie jedoch kannte, so ist es wahr-scheinlich, daß die Araber sie spanisch-römischen Villen abgelernt haben. Ausgeschlossenist es jedoch auch nicht, daß die hellenistischen Gärten, wie so vieles andere, auch dieseWassergestaltung dem byzantinischen als Tradition weitergegeben haben und dieAraber sie auch im Orient gekannt haben. Eine seltsame Schilderung läßt an diesenWeg denken. Ein arabischer Geograph, der etwa gleichzeitig mit der Anlage der Gärtendes Generalife im XIV. Jahrhundert lebte, schildert in seiner Geographie Ägyptenseine Wassertreppe als ein Werk grauen Altertums: Josef soll sie auf das Geheiß Gottesgegraben haben, zur Zeit des Schreibers war sie schon ganz verfallen.Ein Teil des Ge-bietes von el-Menrah", so erzählt der Verfasser einem älteren nach,bildet den Park von