§ 77. IV. Geschichtliches.
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stellte die Sätze als etwas Gegebenes an die Spitze und liels dieBeweisführung folgen. Warum dabei so und nicht anders verfahrenwerden mufste, wufste kein Schüler anzugeben. Alles bewies derLehrer, nichts der Lernende, so dafs dieser nur den stummenZuhörer bildete; von einer selbständigen Geistesarbeit war keineSprache. Dabei ignorierte man jede praktische Anwendung so sehr,dafs der Schüler nie einsah, wozu ihm all das nütze. Nach jahre-langem Studium war er meist unfähig, Zirkel und Winkel richtigzu handhaben. Die Ursache dieses Verfahrens liegt in der Forschungs-weise der Alten. Sie konstruierten alles aus dem Begriff, aus denallgemeinsten und obersten Prinzipien, und erst zuletzt wurden einigeBeweise aus der Wirklichkeit gesammelt, um durch sie das reinlogische Gebäude zu stützen. Es war genau das entgegengesetzteVerfahren von heute.
Erst als Pestalozzi den Versuch machte, die Geometrie auchin die Volksschule einzuführen, kam eine bessere Methode zumDurchbruche. Zwar verfiel der grofse Pädagoge auch hier wie beimübrigen Rechnen in ein Extrem. Sein Unterricht sollte nur formellanregend sein, das praktische Leben und seine Ansprüche ignorierteer grundsätzlich. Von der Anschauung ausgehend, schritt er inpeinlicher Lückenlosigkeit vorwärts, wobei er auf eine Unzahl vonLinienkombinationen sein Hauptaugenmerk richtete. Wie ander-wärts, bethätigte er auch hier wiederum seine Vorliebe für mecha-nisches Nachsagen, verwickelte sich dabei aber nicht selten in soschwierige Komplikationen, dafs ein Gewinn für die Schüler un-möglich war. Seine »Formenlehre« erschien erst 1826.
Die Einseitigkeiten des Meisters suchten seine Schüler undAnhänger allmählich abzustreifen. Es haben sich dabei JosephSchmidt, v. Türk, Grafsmann, Ramsauer und insbesondereHarnisch und Diesterweg durch ihre bezüglichen Schriftengrofse Verdienste erworben. Harnisch stellte endgültig die Grund-sätze in Bezug auf Stoff und Methode der Geometrie in Volks-schulen fest, und Diesterweg »vollendete das didaktische Verfahrenim einzelnen durch Virtuosität in formeller Behandlung«. In derneuesten Zeit hat die Herbart sehe Schule wesentlich beigetragenzur weiteren Ausgestaltung der Raumlehre. Ihre Grundsätze (zuerstAnschauen der Gebilde, dann Darstellen derselben und Be-rechnung des Betrachteten) finden immer mehr Beachtung undAnerkennung.