Europens Sittenzustand.57Muth; Winkelzüge, zwecklose Ausweichung (tem-poriſiren) wo Eile gilt! Furchtſames Herumkriechenin der Peripherie, statt im geraden Sonnenradiusins Centrum zu stürzen! — Alle diese Symptomescheinen leider Zeichen der Zeit zu seyn, die von dertraurigsten Erschlaffung in den Nerven des Staatsbewirkt worden. — Denn man sehe, wie schlechteSchätzer des Verdienstes die Grossen sind! Da kenneich so manchen Menschen, der nichts kann als miteinigen Konzerten, Rondo's, Tanzsprüngen, Thea-terkünsten, Augen und Ohren belustigen, und derdoch mehrere tausend Gulden Besoldung erhält;indeß talentvolle, arbeitsame Geschäftsmänner,manche tiefe Kenner der wichtigsten Wissenschaf-ten, mit etlich hundert Thalern kümmerlich sichdurchbringen müssen! Und wie viele Aemter werdenbloß mit Schmeichlern und Kriechern besetzt!Welche Abgoͤttereyen werden mit den Kuͤnstenund Wissenschaften getrieben! Der ökonomischeGeist ist nirgends mehr sichtbar: stille Grösse undEinfalt, als die wahren Kennzeichen des Erhabe-nen, erkennt man in den neuen Kunstwerken nir-gends; noch seltener aber ein edles Herz! (Dasmeiste was die neuern Schriftsteller über schöneKünste liefern, ist in metaphysischer Duftgestalt.)Da fiehet man in allen Zimmern und Sälen derGrossen die leichtfertigsten Mahlereyen und scham-
Druckschrift
Das Wetterleuchten über Europa am Ende des Jahrhunderts gesehen im Jahre 1788 :
(aus den Papieren eines verstorbenen Geistersehers)
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